Schamanische Welten am Amazonas
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Bei den Siona
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Yajé: Botschafter einer übersinnlichen Welt
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Das Yajé-Haus
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Der Zaubertrank
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Mit Abuelo im Dschungel
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Durch den Körper des Kranken wie durch ein Sieb hindurch sehen
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Die Jaguarmutter
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Schlangenbiss
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Cherubin, der Jaguar-Schamane
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„Yajé wird uns verändern“
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Anhang: Von Kolumbus bis heute
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Die einzigartige indigene Kultur am Amazonas
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Von den Portugiesen bis zum Guerillakrieg
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Sinnsucher und die Pharmaindustrie
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Trauer
Bei den Siona
Das Volk der Siona lebt im Dschungel am Westrand des Amazonas-Beckens. „Bellavista“, ihr Dorf, liegt verstreut am Ufer des Putumayo, einem der großen Zuflüsse zum Amazonas, im Süden Kolumbiens. Francisco Piaguache, kurz Taita Pancho (Taita = Heiler), ist der offizielle Name des alten Schamanen. Aber alle nennen ihn nur Abuelo, Großvater.
Ich zeige zunächst eine Reihe von Fotos, um einen Eindruck vom Dorf und seinen Bewohnern zu vermitteln. Die am Waldrand verstreut liegenden Häuser stehen auf Stelzen. Gegen Ende der Regenzeit im Mai tritt der Putumayo häufig weit über seine Ufer, daher die Stelzen. Im Haus von Abuelo und seiner Frau Abuela – auf dem Foto in ihrer Küche – trifft sich das Dorf: Ihre vier stolzen Söhne, Schwiegertöchter und unübersehbar viele Enkel sowie Nachbarn und Freunde gehen hier ein und aus.
Ich war mit Fabio, einem etwa gleichaltrigen freundlichen Kolumbianer aus Bogota angereist. Fabio hatte drei Jahre in Nürnberg gearbeitet und sprach gut Deutsch. Für uns war ein Eckchen in der Hütte frei, in dem wir unsere Schlafsäcke ausrollen konnten. Nachts huschten Ratten durchs Haus. Es regnete viel in der Zeit unseres Aufenthalts, doch das minderte nicht unsere gute Laune. (Fabio im blauen Regencape, ich im roten).
Abuelo und seine Familie nahmen uns sehr freundlich, offen und warmherzig auf. Wir fühlten uns nach kurzer Zeit wie ein Teil der großen Familie. Taita Pancho, dieser weithin bekannte Heiler, öffnete mir sein Herz und hat mich weit in seine Welt als Schamane hineinblicken lassen.
Yajé: Botschafter einer übersinnlichen Welt
Die indigenen Medizinmänner am Amazonas kümmern sich um die Körper und um die Seelen der Menschen. Sie heilen mit Pflanzen und auf ihre einzigartige spirituelle Weise. Der Extrakt einer bestimmten Urwald-Liane öffnet ihnen den Weg ins schamanische Universum. Es ist ein bitteres Gebräu, das bei den Siona Yajé genannt wird, (sprich Jahé). In Peru heißt dieser Trank Ayahuasca, „Der Wein der Toten“.
Diese Liane gilt den Indigenen als „Pflanze der Götter“. Yajé verleiht der Seele Flügel, um Raum und Zeit hinter sich zu lassen. Yajé befähigt die Indigenen, in den Kosmos zu reisen und Botschaften aus einer anderen Welt zu empfangen. Ein Schamane sagte es so: „Wenn wir Yajé trinken, befreit sich unsere Seele vom Körper, und die Dinge beginnen zu sprechen“. Als Botschafter einer übersinnlichen Wirklichkeit enthüllt Yajé das Wesen der Welt: Die Dinge beginnen zu sprechen.
Yajé, genauer gesagt, der Geist des Yajé, ist der große Lehrmeister der Schamanen. Er vermittelt Erkenntnis und Wissen. Auf diesem Wissen fußt die Weltanschauung der Indigenen am Amazonas. Mit Hilfe dieser heiligen Pflanze können die Schamanen segensreich wirken.
Das Yajé-Haus
Die Zubereitung von Yajé obliegt ausschließlich dem Schamanen. Die Prozedur dauert einen ganzen Tag. Die Stämme der Liane werden in Stücke geschnitten, sorgfältig gewaschen, gespalten und zusammen mit Chacruna-Blättern über viele Stunden gekocht. Chacruna ist ein Gewächs aus der Gruppe der Kaffeesträucher, weit verbreitet im Regenwald Südamerikas. Abuelo besingt den Geist der Yajé-Liane mehrfach im Verlauf des Tages. Nach Zusatz von Chacruna gilt sein Gesang der Vereinigung der beiden Pflanzengeister.
Pablo Amaringo, ein peruanischer Künstler, hat seine Vision von der Vereinigung des Geistes der Chacruna mit dem Geist der Ayahuasca-Liane gemalt. Die beiden Geister dieser Pflanzen sind von ihm als Schlangen dargestellt, deren Vermählung in einer Art von Zungenkuss vonstatten geht. Die sich schlangengleich rankende Liane rechts im Bild entspringt dem Leib einer kräftigen Python. Links unten ist ein Chacrunastrauch zu sehen. Darüber im tiefen Dschungel sitzen vier Verstorbene und trinken Ayahuasca.
Am Ende des Tages, wenn im Topf alles Wasser von der stundenlangen Glut des offenen Feuers verdampft ist, hat sich am Boden des Gefäßes ein dickflüssiger grünlicher Sud gesammelt. Dieser Sud ist Yajé. Er wird in einen Topf oder in Flaschen abgefüllt und während der nächtlichen Zeremonie in kleinen Portionen aus einem Becher getrunken. Yajé schmeckt scheußlich bitter. Es wirkt purgativ, wie ein starkes Abführmittel.
Abuelo führt seine nächtlichen Rituale im Yajé-Haus durch. Diese Hütte liegt mitten im Urwald etwa einen Kilometer von der Dorflichtung entfernt. Unter seinem ausladenden Dach ist ein geräumiger Sitz- und Liegeplatz. Das Gebälk des Dachstuhls bietet reichlich Gelegenheit, Hängematten aufzuspannen. Wände fehlen, dieses Haus ist nach außen zum Dschungel hin offen. Umgeben von Urwaldriesen und den Geräuschen der Nacht, dauert ein Yajé-Ritual viele Stunden bis zum Morgengrauen. In diesen nächtlichen Sitzungen führt Abuelo Heilungen durch. An Wochenenden lädt er gern die Dorfbewohner ein, mit ihm Yajé zu trinken. Als Schamane fühlt er sich berufen, die kulturelle Tradition seines Volkes zu bewahren.
Die folgenden Fotos zeigen Eindrücke vom Weg in den Dschungel zum Yajé-Haus. Sodann Abuelo bei seiner nächtlichen Arbeit. In dem weißen Eimer neben ihm befindet sich der grünliche Sud.
Der Zaubertrank
Yajé macht Bilder, Yajé macht Visionen. Yajé führt aus unserer sichtbaren realen Welt heraus in eine ungeahnte Wirklichkeit. Die Bilder, die man bei geschlossenen Augen auf einer Art von innerem Bildschirm sieht, sind zunächst bunte Muster. Es ist, als ob man in ein großes Kaleidoskop schaut. In lebhafter Farbigkeit ist alles ständig in Bewegung. Das ist das Vorspiel. Irgendwann gleitet man in eine andere Welt, deren Wirklichkeit ihre eigenen Gesetze hat. Der Geist der Liane macht es möglich zu fliegen und zu reisen an alle Orte der Welt – und auch zurück in die entfernteste Kindheit. Es ist möglich, seine eigene Geburt noch einmal zu erleben. Verstorbene sind präsent, Urtiere tauchen auf. Wenn der Schamane es für wichtig hält, kann es passieren, dass man sich durch seinen Gesang in eine Schlange oder einen Adler verwandelt. Das ist dann kein Kino-Film und auch kein Spiel. Eine solche Transformation packt den ganzen Menschen. Man ist dann ein Adler.
Yajé steigert die Empfindlichkeit aller Sinne, besonders des Gehörs. Das, was man hört, beeinflusst die Bilder. So kann der Schamane über seine Gesänge und das verzaubernde Rascheln mit seinem Blätterwedel das Erleben der Teilnehmer steuern.
Die Bilderflut kann sich über Stunden hinziehen, ein ekstatischer Sinnesrausch. Es kann aber auch passieren, dass Ängste auftreten und nicht weichen wollen. Ständig von Riesenschlangen beobachtet zu werden, ist keineswegs angenehm. Yajé regt kräftig die Darmtätigkeit an. Süchtig macht es nicht.
Zur Illustration möchte ich einige Impressionen aus meiner ersten Nacht im Yajé-Haus schildern: Es ist stockdunkel draußen, die abendlichen Geräusche des Waldes ebben ab, in der Mitte des Yajé-Hauses gibt ein kleines Feuer etwas Licht. Abuelo sitzt auf seiner Hängematte, die Füße am Boden, raucht, trinkt Yajé, raucht weiter. Das geht so eine Zeit. Dann bittet er mich, ebenfalls zu trinken.
Ich trete vor ihn hin und er bläst mehrfach Tabakrauch über meinen Kopf und in alle Himmelsrichtungen. Dazu raschelt er mit seinem Blätterwedel, ein verführerisches Geräusch, das mir eine Gänsehaut auf meinen Unterarmen beschert. Während ich das gallig-bittere Zeug schlucke, besingt er mich, bläst Tabakrauch gegen meine Hand, die den Becher hält und gegen mein Gesicht, während ich trinke. Zugleich raschelt er weiter mit dem Blätterwedel. Es ist feierlich, ich fühle mich irgendwie geehrt.
Zurück auf meinem Platz warte ich ungeduldig – es ist ja das erste Mal – auf eine Wirkung. Als nach einer knappen halben Stunde nichts passiert, frage ich nach einem zweiten Becher. „Claro“, ist Abuelos Antwort. Und als danach nur enttäuschend blasse Farbmuster vor meinen geschlossenen Augen erscheinen, bitte ich um einen dritten Becher. „Claro.“ Abuelo hat nichts dagegen. Mein Geist muss wissen, was er will.
Bald darauf wird mir schwindelig und ich muss mich hinlegen. Das Kaleidoskop vor meinen Augen nimmt ordentlich an Fahrt auf und schlagartig brechen die Farbmuster ab, als würde ein Vorhang zurückgezogen. Große Leinwand. Wo ich hinschaue, Farben, satte Ölfarben, ein warmes, präsentes, leuchtendes Ocker-Gelb bildet den Untergrund, auf dem sich Blumen in Schattierungen von Blau, Violett und Lila entfalten. Vorbei der schnelle Wechsel der Szenerie, das Bild ist fast bewegungslos. Nur die frischen Ölfarben tropfen langsam von der Leinwand. Van Gogh. Voller Ehrfurcht fühle ich mich dem großen Maler und Visionär ganz nahe.
Szenenwechsel – eine züngelnde Schlange schießt auf mich zu. Ich erschrecke, doch nur kurz, denn diese Schlange hat ein nettes Lachen in ihren Augen. Fischartige Ungeheuer mit riesigen Mäulern und anderes Urgetier aus evolutionär lange zurückliegenden Zeiten ziehen vorüber. Es passiert ungeheuer viel, von dem nur der kleinste Teil im Gedächtnis haften blieb.
Später sehe ich, wie ich im Kino sitze, „Some like it hot“. Marilyn als Sugar-Baby sieht umwerfend aus. Es hält mich nicht auf meinem Sitz. Ich gehe nach vorn, reiche Sugar meine Hand, führe sie von der Leinwand herunter und verschwinde mit ihr hinter dem großen Kinovorhang. Die Bilderflut zieht sich lange hin, in der zweiten Nachthälfte finde ich etwas Schlaf in einer Hängematte.
Mit Abuelo im Dschungel
Wir waren mehrfach mit Abuelo im Dschungel, der das Dorf umschließt. Abuelo zeigt uns, was an Medizinalpflanzen direkt vor seiner Haustür wächst. In der folgenden Bilderserie sehen wir als erstes die Yajé-Liane, eine Kletterpflanze mit ihrem verholzenden Stamm, die in der Erde wurzelt und sich an Bäumen emporwindet. Auf unseren Gängen treffen wir an verschiedenen Stellen auf die gleichen auffallend roten Blätter. Wenn man sie kocht, erklärt Abuelo, erhält man einen Extrakt, der blutstillend wirkt und deshalb bei der Wundheilung, auch bei Nasenbluten, verwendet wird. Dann weist er auf einen Parasiten hin, dessen grünes Blattwerk an einem Baumstamm zu kleben scheint. Sosoejko, so sein Name auf Siona. Als Paste auf die Haut aufgetragen sei dieser Parasit in der Lage, Lymphknotenmetastasen, also Absiedlungen einer Krebsgeschwulst, zum Einschmelzen zu bringen. Der Urwald sei reich an hochwirksamen Pflanzen zur Krebsbekämpfung, versichert Abuelo aus seiner Erfahrung.
Dieses Blatt sei gut bei Herpes-Ausschlägen, jene Rinde, aufgekocht, sehr wirksam bei kindlichem Durchfall. Eigentlich gibt es gegen alles etwas, gegen sämtliche Beschwerden, die in einem indigenen Dorf auftreten: gegen Bronchitis und Magen-Darm-Erkrankungen, gegen Gelenkbeschwerden, Hilfen bei der Schwangerschaft und schwerer Geburt, Mittel zur Empfängnisverhütung und Abtreibung, Aphrodisiaka und vieles andere mehr. Die Rinde von Chiricaspi, einem unauffälligen Baum, ist bei Zahnschmerzen beliebt. Man legt sie in Wasser, das sich blau verfärbt und spült sich damit den Mund aus. Es enthält offenbar ein lang wirksames Anästhetikum, denn Zahnschmerzen sollen verlässlich für 24 Stunden verschwinden.
Bricht sich jemand im Dorf die Knochen, dann muss Abuelo erst einmal über den Fluss rudern, weil nur auf der anderen Flussseite ein ganz bestimmter Kaktus wächst. Mir zuliebe demonstriert er sein Vorgehen. Der längliche, feste Kaktusstengel wird aufgeklopft, wie eine Hülle ausgebreitet und mit der Innenseite dem gebrochenen Glied aufgelegt. Der Saft des Kaktus dringt in die Haut und fördert die Abschwellung und den Heilprozess. Dann wird das gebrochene Glied mit Stäbchen geschient, verblüffend ähnlich wie in China und Westafrika. Die Kaktushülle wird täglich erneuert.
Bei all ihren Heilkünsten haben mich die Siona vom ersten Tag an freudig zu ihrem Dorfarzt gemacht. Tabletten waren nicht ihre Sache, sie schätzten meine Salben und vor allem schätzten sie meine Akupunkturnadeln. Sie waren fasziniert von meinen Händen, mit denen ich Qi vorzugsweise auf ihre Stirnmitte leitete und manches Leiden damit beruhigte. So konnte ich dem Dorf ein wenig zurückgeben für die freundliche Aufnahme und für alles, was ich von ihnen und ganz besonders von Abuelo gelernt habe.
Durch den Körper des Kranken wie durch ein Sieb hindurchsehen
Im nächtlichen Heilritual trinken beide Yajé, der Schamane zumeist mehrere Becher, der Patient eher wenig. Der Patient muss auch gar nicht trinken. In seinen Gesängen sucht der Schamane den Kontakt zur übersinnlichen Welt. Es ist der Geist der Liane, der ihn in die Lage versetzt, durch den Körper des Kranken wie durch ein Sieb hindurchzusehen. Damit kann er die Krankheit orten und die Ursache des Leidens erkennen.
Krankheit wird von Geistern aus verschiedensten Gründen geschickt: aus gekränktem Zorn, aus Rache oder auch aus Böswilligkeit. „Susto“ steht für Schreck, Erschrecken, Entsetzen und ist mit Seelenverlust verbunden. Schreckgeister nutzen das Erschrecken, um den Betroffenen Teile ihrer Seele zu entführen. Seelenverlust durch traumatische Erlebnisse spielt für die Schamanen eine zentrale Rolle.
Krankheit kann auch durch die unsichtbaren Giftpfeile eines Hexers verursacht werden. Gegen die Macht eines Hexers hilft nur die Macht eines Medizinmanns, der stärker ist als der Hexer. Daraus resultieren Schamanenkämpfe, häufig auf Leben oder Tod. Abuelo verweigert eine Behandlung oder bricht sie ab, wenn ihm klar wird, dass Hexerei im Spiel ist.
Im Yajé-Ritual steht der Schamane vor der Aufgabe, mit den Geistern, die die Krankheit des Patienten ausgelöst haben, in Kontakt zu treten. Er muss sie rufen, mit ihnen reden, herausfinden, wo sie die Seele versteckt haben, und er muss stets bereit sein, mit den Böswilligen zu kämpfen. Um diese Fähigkeiten zu entwickeln, bedarf es einer langen Ausbildung und jahrzehntelanger Erfahrung.
Die Jaguarmutter
Abuelo berichtet, dass er jahrelang zusammen mit seinem Lehrer in der nächtlichen Einsamkeit des Urwalds Yajé getrunken hat. Seine Initiation: Er macht Bekanntschaft mit der Jaguarmutter, die ihm seinen Tod verkündet und ihn tötet. Anschließend wird er als ihr Kind wiedergeboren und an ihrer Brust gesäugt.
Die Jaguarmutter ist es, die ihn mit dem Yajé-Volk, den verschiedenen Geistern, bekannt macht und ihm deren Sprache beibringt. Mit zunehmender Vertrautheit in der Welt des Yajé und wachsender Erfahrung im Umgang mit den dort ansässigen Wesen, reift langsam Heilkraft im Schüler. Gleichzeitig unterweist ihn sein Lehrer in den Urwaldpflanzen und deren vielfältigen medizinischen Anwendungsmöglichkeiten. Schließlich beginnt der junge Schamane selbst zu behandeln. Er hat gelernt, mit den Geistern umzugehen und weiß viel über die Pflanzen. Erstaunlicherweise erscheinen ihm während einer Heilzeremonie, wenn er sich in der Wirklichkeit des Yajé aufhält, vor seinen Augen genau die Pflanzen, die er am nächsten Tag im Urwald suchen wird, um sie zur Behandlung zu verwenden.
In der Welt des Yajé, den Visionen und Heilungen, spielt der Jaguar im gesamten Amazonasgebiet eine herausragende Rolle. Bedeutende und starke Yajé- oder Ayahuasca-Schamanen werden in den Kreis der „Hermanos“, der Brüder, aufgenommen. Die Hermanos sind die Jaguar-Schamanen. Abuelo ist einer von ihnen. Jaguar-Schamanen in dieser Region schmücken ihren Kopf mit einer Federkrone.
Yajé macht hellsichtig. Die Siona veranstalten zum Jahresende ein Yajé-Ritual für das ganze Dorf. Dabei hält Abuelo nicht etwa wie wir Rückschau auf das vergangene Jahr, sondern Vorausschau auf das nächste. In seinen Visionen sieht er die wichtigen Ereignisse des kommenden Jahres und erzählt sie seinen Leuten. Respektvoll nennen ihn alle den Mann mit den vier Augen, weil seine Sehergabe allgemein geschätzt wird.
Yajé kann ungeahnte Kräfte freilegen. In jüngeren Jahren hat sich Abuelo vor der gemeinsamen Jagd in einen Jaguar verwandelt. Das ging so: Er trank Yajé, das ihn in das Haus der Toten führte. Dort steht ein bestimmter Schrank und darin hängen eine Reihe von Jaguarfellen. Er nahm eines heraus, zog es an und passte dabei die Jaguarhaut sorgfältig seiner eigenen Haut an. Das wiederholte er mit dem zweiten, dem dritten, dem vierten und dem fünften Fell in aller Sorgfalt und Ruhe. Dann war es so weit. Er war zum Jaguar geworden und führte die Jagd an. Im Dorf wird noch heute erzählt, dass sein Vater, ebenfalls ein Schamane, in einem solchen Zustand als Jaguar eine riesige Wildsau getötet hat.
Yajé macht kreativ. Die Wirklichkeit des Yajé, dieses farbenfrohe Universum, hat die indigene Kunst am Amazonas nachhaltig geprägt. Die Bilder der indigenen Künstler oder auch die faszinierenden Muster, mit denen zum Beispiel die Shipibo in Peru ihre Stoffe besticken, sind vom Geist der Liane inspiriert.
Schlangenbiss
Abuelo erinnert sich: Eine Frau des benachbarten Stammes etwas weiter flussabwärts war von einer Giftschlange in die Hand gebissen worden. Anfangs war ihr ganzer Arm schmerzhaft aufgetrieben gewesen, dann jedoch glücklicherweise wieder abgeschwollen. Die Frau hatte den Biss überlebt. In den Wochen danach verlor sie jedoch zunehmend an Gewicht, an Kraft, auch an Lebenswillen. Der Heiler ihres Dorfes gab sich alle Mühe, offenbar ohne Erfolg. Abgemagert siechte sie dahin und war dem Sterben nahe. Schließlich rief man ihn zur Hilfe, weil bekannt war, dass er über große Kräfte bei der Behandlung von Schlangenbissen verfügt.
Um seiner Patientin zu helfen, ruft Abuelo zunächst den Geist seines verstorbenen Lehrers. Denn er allein kann nicht heilen. Alle Krankheit kommt von den Geistern, und nur die Geister selbst vermögen zu heilen. Sein Lehrer erinnert ihn an die schreckliche Zeit, als er ihn, den damals jungen Schamanen in die Welt der Schlangengeister eingeführt hatte. Damals musste der junge Mann den Absud von zwanzig zerkleinerten, tagelang in Wasser eingelegten Zigarren auf einmal trinken. Ein fast tödliches Gift. Die Folge war, dass der junge Schamane in eine anhaltende tiefe Ohnmacht fiel. Sein Lehrer saß die ganze Zeit bei ihm und besang ihn, beschwor in seinen Gesängen die Welt der Schlangengeister. In seiner Ohnmacht träumte der junge Schamane, in das Haus der Schlangen geführt zu werden. Dort konnte er zum ersten Mal die Geister der wichtigsten Schlangenarten sehen. In seiner tiefen Trance, geleitet von den Gesängen seines Lehrers, prägten sich ihm die Geister der gefährlichsten Giftschlangen des Urwalds ein für alle Mal ein.
Abuelo beschwört den Geist der Schlange, die bei dieser Frau zugebissen hatte. Er kennt diesen Unhold. Ein furchterregender Kobold betritt die Bühne vor seinem inneren Auge, kampfbereit. Messerscharfe Nägel ragen wie Giftzähne aus seinen Schultern und eine riesige, glühende mit tödlichem Gift getränkte Zigarre steckt tief in seinem Brustkorb. Mit diesem Giftzwerg ist nicht gut Kirschen essen. Zunächst spricht Abuelo in höflicher Form mit ihm, ohne etwas zu bewirken. Dann wird er energischer. Doch erst als der Geist seines Lehrers all seine Kräfte aufbietet, knickt der Kobold ein, um von seinem unheilvollen Einfluss auf die kranke Frau abzulassen. Schließlich gesteht der Schlangengeist, dass sich noch ein Giftzahn im Handgelenk der Kranken befindet. Abuelo macht sich an die Arbeit und saugt mit lautem Zischen und Schmatzen den versteckten Giftzahn heraus. Die Zeremonie kommt zum Ende und Abuelo kehrt in die Realität zurück. Am nächsten Tag erfolgt eine weitere Heilsitzung, um die völlig erschöpfte Frau zu kräftigen. Sie wurde wieder völlig gesund.
Cherubin, der Jaguar-Schamane
Cherubin erscheint, um Abuelo zu besuchen. Groß gewachsen, mit seinem schwarzen Hut, einer bunten Papageienfeder durch die Nase und vor allem seiner prachtvollen Kette aus riesigen Jaguarzähnen um den Hals, ist Cherubin von eindrucksvoller Gestalt. Er hatte in seiner Lehrzeit zehn Jahre allein im Dschungel gelebt. Er ist einer der bekanntesten Jaguar-Schamanen im westlichen Amazonasgebiet und tief in die Welten des Yajé eingedrungen. Ihm werden große Heilkräfte zugeschrieben.
Cherubin und Abuelo tauschen sich aus über die schwierige Situation der Indigenen am Putumayo, die zunehmend bedroht sind, zwischen den Fronten der Guerilla, der Regierungstruppen und der Kokain-Mafia, den „Narcos“ zerrieben zu werden. Ein Sohn Cherubins, aktiver Kämpfer in der Guerilla, ist von Soldaten erschossen worden. Die politischen Unruhen des Landes treffen die Indigenen mit voller Wucht.
Doch wenn Cherubin auftaucht, dann muss auch getrunken werden. Seine Yajé-Zeremonien sind legendär. Und so füllt sich das Stelzenhaus von Abuelo und Abuela zur Nacht mit 20–25 Menschen. Abuelo hat mich mit Nachdruck zur Teilnahme eingeladen.
Ich bin zufrieden mit mir und der Welt und trinke nur einen Becher. Dann suche ich mir in der Enge der Hütte einen Platz auf dem Boden zum Sitzen. Als die Farbmuster weichen, kommt eine überdeutliche Vision: Ein Ungeheuer mit dem Kopf einer Wildkatze und dem Körper einer Boa umschlingt langsam meinen Kopf. Die Riesenschlange drückt zu und zerdrückt meine Schädelknochen. Ich schaue zu, höre es knacken und krachen und verfolge interessiert, wie dieses Monster meine Gesichtsschädelknochen einen nach dem anderen zermalmt. Ich war verwundert darüber, dass mir diese Szene keine Angst machte und mich nicht durcheinanderbrachte. Erst im Nachhinein dämmerte mir, welche Einladung aus dem Reich des Yajé mir womöglich zuteilgeworden war. War es die Jaguarmutter, die mich beehrt hatte?
Cherubin führt eine Behandlung nach der anderen durch. Mit tiefer, kräftiger Stimme singt er unaufhörlich in der Sprache des YaJé. Irgendwann greift er zu seiner Mundharmonika und entlockt dem Instrument höchste Töne. Es klingt sanft und verführerisch. Vor meinem inneren Auge wird es paradiesisch schön. Ein ausgebreiteter Fächer aus Pfauenfedern bewegt sich ganz langsam – gegen den Uhrzeigersinn. Ich reise zurück in der Zeit. Ein Gefühl zauberhafter Süße stellt sich ein. Kindliches Glück wird geweckt, die Töne kommen wie aus dem Jenseits. Cherubins kräftige Stimme beendet diese Vision. Er macht eine Pause, in der er wie jedes Mal lautstark mit Abuelo und anderen in seiner Umgebung schwatzt.
Später in der Nacht melde ich mich, um auch von Cherubin behandelt zu werden. Ich sitze auf einem Schemel, Cherubin steht vor mir. Es muss nach Mitternacht sein. Cherubin ist bereits mindestens fünf Stunden im Einsatz, hat Unmengen an Yajé getrunken und das bittere Zeugs mit Aguardiente, einem selbstgebrauten Zuckerrohrschnaps, heruntergespült. Dennoch zeigt er keinerlei Ermüdungserscheinungen.
Er baut sich groß vor mir auf, raschelt energisch mit seinem Blätterwedel um meinen Kopf und um den ganzen Körper, beginnt zu singen, nimmt einen Schluck Schnaps in den Mund und sprüht seinen feuchten Atem über meinen Kopf. Mein Gesicht wird nass. Dann singt er weiter mit seiner sonoren Stimme, befeuchtet Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand mit dem Schnaps und berührt mich mit seinen Fingern: Auf der Scheitelhöhe, vor den Ohrmuscheln und zwischen den Augenbrauen.
Ich bin beeindruckt und bereit, mich von ihm auf Reisen mitnehmen zu lassen. Ich höre ihn singen, jetzt in zwei, dann in drei und auch in vier Tonlagen. Was sich bei ihm abspielt, davon habe ich keine Ahnung. Ich merke nur, dass meine anfängliche Begeisterung nachlässt, dass irgendwie der Faden zu Cherubin nicht mehr da ist. Er müht sich offenbar in fernen Welten ab, während ich hier einfach auf einem Schemel im Haus von Abuelo sitze. Ich bin enttäuscht.
Nach langer Zeit stellt sich unter Cherubins unaufhörlichem Gesang schließlich doch eine wohlige Wärme in meiner Körpermitte ein. Sie erfasst zunehmend meinen ganzen Bauch. Dann sehe ich, wie mein Atem aus meinem Bauch langsam in die Brust aufsteigt. Ich sehe den Atem. Ich spüre Druck, zunehmenden Druck in meinem Brustkorb. Dieser verformt sich zu einem glockenförmigen Gebilde, einem Reaktorgebäude eines Atomkraftwerks. Der Druck steigt immer weiter an, das Atomkraftwerk droht zu explodieren. Doch dann: Eine Eisenmaske bedeckt meinen Kopf von der Stirn bis zum Hinterkopf. Diese Maske aus altem, rostigen Eisen saß dort schon immer, doch jetzt ist sie gelockert. Ich könnte sie lösen. Ich sehe Einschusslöcher, besser gesagt Ausschusslöcher, denn die scharfen Kanten der Löcher wölben sich von innen nach außen - auf der Scheitelhöhe, vor den Ohren und zwischen den Augenbrauen. Vorsichtig löse ich die Maske ab und fühle mich unendlich befreit.
Am Ende der Sitzung erhebe ich mich und bedanke mich bei Cherubin. Wir geben einander die Hand und schauen uns in die Augen. Am nächsten Morgen habe ich kurz Gelegenheit, Cherubin zusammen mit Abuelo zu sprechen. Ich frage ihn, wie es ihm in meiner Behandlung gegangen sei. Er sagt sinngemäß: „Erst bist du mir verloren gegangen. Ich musste deine Seele suchen und dabei ist unser Kontakt abgebrochen. Ich musste weit reisen, in eine ferne Stadt, ich sah einen Hafen und große Schiffe. Der Geist des Yajé fand deine Seele. Wir mussten hart kämpfen, um sie zu befreien. Mit der Rückkehr deiner Seele stellte sich auch unser Kontakt wieder her. Zum Schluss hast du gut gearbeitet.
Er machte mir noch ein Kompliment, indem er sagte, ich sei ein Diener der Humanität. Das hörte ich gern. Zu Abuelo gewandt fügte Cherubin einen weiteren Satz hinzu: El Doctor muss sich an etwas erinnern! Die Leichtigkeit des Lebens, die der Geist des Yajé in mich hineingepflanzt hatte, hielt wochenlang an. Es brauchte allerdings noch Jahre, bis es mir gelang, unter einer dicken Schicht von Amnesie, von Erinnerungslosigkeit, das schwere Trauma freizulegen, das mich im Alter von vier oder fünf meiner kindlichen Seele oder einer gehörigen Portion davon beraubt hatte. Cherubin hatte offenbar tief in mich hineingesehen.
Noch einmal zurück zu jener Nacht. Ich ergattere eine Hängematte und nicke, euphorisch wie ich bin, ein.
In den frühen Morgenstunden ereilt mich eine letzte Vision: Ich sehe das Dorf der Siona mit seinen Stelzenhäusern, zerstört, verlassen, die Türen schlagen im Wind. Ansonsten ist es totenstill. Yajé macht hellsichtig. In den folgenden Jahren ist der Krieg innerhalb Kolumbiens in der Putumayo-Region aus den Fugen geraten.
Yajé wird uns verändern
Der vorliegende Bericht basiert auf dem Erleben und den Erfahrungen während meiner ersten Reise zu den Siona im Jahr 1992. Zwei Jahre später war ich wieder dort. Dieses Mal begleitete mich mein damals 20-jähriger Sohn Ole. Zu uns gesellte sich eine junge Ethnobotanikerin aus Bogota, Clara. Clara war schon mehrere Male bei den Siona und verfolgte den Plan, mit Abuelo zusammen einen Botanischen Garten im Dorf anzulegen. Dadurch sollte das immense Wissen Abuelos über die Pflanzenwelt des Urwalds festgehalten werden.
Zu dritt verstanden wir uns von Anfang an sehr gut. Clara hatte schon mehrfach mit Abuelo Yajé getrunken. Sie freute sich über unser Interesse und bemerkte noch am Flughafen in Bogota: „Yajé wird uns verändern“.
Während unseres Aufenthalts bei Abuelo und seiner großen Familie hatten wir Gelegenheit, an drei von Abuelo geleiteten Nächten Yajé zu trinken. Eine Nacht war ausschließlich für uns, bei den beiden anderen waren verschiedene Dorfbewohner und auch die Söhne Abuelos mit dabei.
Yajé veränderte uns, wie die nächsten Fotos zeigen. In meiner letzten Yajé-Nacht dämmerte ich tief in der Nacht vor mich hin. Abuelo war immer noch fleißig, besang und bewedelte diese und jenen, als plötzlich in der Hängematte neben mir Umberto, der älteste Sohn der Familie mit tiefer Bassstimme zu singen begann. Mir war, als käme seine Stimme aus dem tiefsten Urgrund des Seins. Vor meinem inneren Auge erschienen Kronenkraniche, eine Vogelart, die ich bis dahin nicht kannte und nie gesehen hatte. Die Kronenkraniche begannen zu tanzen.
Anhang: Von Kolumbus bis heute
Die einzigartige indigene Kultur am Amazonas
Dem Anthropologen Reichel-Dolmatoff sind grundlegende Kenntnisse und Einsichten in die indigenen Kulturen in Kolumbien zu verdanken. Geborener Österreicher, wanderte er zu Beginn des zweiten Weltkriegs nach Kolumbien aus. Er lebte viele Jahre bei den Tukano, einer Völkerfamilie am Amazonas, zu der auch die Siona zählen. In langen Aufenthalten auf der Sierra Nevada fand er das Vertrauen der Kogi. Wie kein zweiter ist er tief in die Weltsicht der Indigenen eingedrungen.
Als Reichel-Dolmatoff in den vierziger Jahren erstmals in seinem Leben mit Indigenen des tropischen Regenwalds zusammentraf, eröffnete sich ihm eine völlig neue Welt: „Die lächelnden Gesichter, die Schönheit ihrer Gestalten, Männer wie Frauen, die Frische, mit der sie ihre Arbeit und Riten vollzogen, das alles zeigte mir, dass inmitten dieser ‚grünen Hölle‘ Fröhlichkeit und Humor existierte. Ich traf auf Phantasie, geistige Schärfe und menschliche Solidarität.“
Reichel-Dolmatoff betont in seinen wissenschaftlichen Arbeiten, dass die Lebensphilosophie der Indigenen nichts mit Romantik zu tun hat und wird nicht müde, auf die intellektuellen und geistigen Leistungen der indigenen Völker hinzuweisen. Die Siona, die ich kennenlernte, waren durchweg Menschen mit einem scharfen Intellekt. Ein nüchterner Realitätssinn dominierte ihre praktische Lebensbewältigung. Witz und Humor begleiteten ihren Alltag, es wurde viel gelacht. Die Fähigkeiten zur realen Lebensbewältigung waren nahtlos mit dem Wissen um eine andere spirituelle Wirklichkeit verbunden. Alles fügte sich ins Ganze.
Von den Portugiesen bis zum Guerillakrieg
Als portugiesische Seefahrer erstmals den Amazonas herauffuhren, berichteten sie von großen Dörfern, die sich kilometerlang am Ufer erstreckten. Der Urwald war damals, zu Beginn des 16. Jahrhunderts, wesentlich dichter besiedelt als heute. Bald begannen die Portugiesen ihre „gerechten Kriege“, um die Indigenen wegen ihrer spirituellen Praktiken, also wegen Gotteslästerung, zu bestrafen. Es ging darum, die Ureinwohner zu unterwerfen und ihre Kultur zu zerstören. Missionslager wurden eingerichtet, um ihnen ihre Identität auszutreiben. Diese Umerziehungslager wurden zu Brutstätten von Masern, Grippe und anderen Infektionskrankheiten, denen die Indigenen am Amazonas massenhaft erlagen.
Zur Zeit des Kautschuk-Booms in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts herrschte am Putumayo, nur wenige Kilometer flussabwärts vom heutigen Siedlungsgebiet der Siona, die Peruvian Amazon Company. Innerhalb weniger Jahre starben mehr als dreißigtausend Indigene als Zwangsarbeiter dieser Firma.
Die Förderung von Erdöl und die damit verbundene großflächige Verseuchung riesiger Waldgebiete in Ecuador zwang die Siona, von dort wegzuziehen und am Putumayo in Kolumbien zu siedeln. Dort wurden sie in den kolumbianischen Bürgerkrieg hineingezogen. Dieser anhaltende Krieg zwischen der alten herrschenden Klasse und einer linken Guerilla, Drogenbanden und paramilitärischen Mörderbanden entglitt jeglicher Kontrolle und nahm keinerlei Rücksicht auf indigene Völker. Die Putumayo-Region war schwer betroffen.
Heute dringen immer mehr weiße Siedler in ihr Land ein. Großflächige Brandrodungen zerstören den Regenwald und vernichten, wie allerorten am Amazonas, die Existenzgrundlage der ansässigen Völker.
Sinnsucher und die Pharmaindustrie
Der größte kulturelle Schatz der Indigenen am Amazonas, das Yajé oder Ayahuasca, wird aktuell seines Sinnes entleert. In den letzten 20 Jahren hat sich die Kunde vom fantastischen „Urwald-Kino“ herumgesprochen. Seitdem kommen westliche Sinnsuchende zuhauf angereist. Vor allem aus den USA hat sich ein regelrechter Ayahuasca-Tourismus nach Peru entwickelt. Nicht wenige indigene Heiler haben sich dabei vom Geld korrumpieren lassen und bieten dem westlichen Publikum eine vermeintliche schamanische Authentizität, mit der ihr Tun nichts zu tun hat. Südamerikanische Ayahuascaros touren durch die USA und Europa und westliche Neo-„Schamanen“ bieten hierzulande Ayahuasca-Rituale an. Ein Hohn auf die Arbeit von Abuelo und Cherubin.
Die Kunde vom Ayahuasca/Yajé hat auch die pharmazeutische Industrie erreicht. Dabei geht es darum, aus dem Yajé-Sud eine Pille gegen Depression zu entwickeln.
Mit der pharmazeutischen Entwicklung einer Pille gegen Depression wird der gesamte spirituelle Kontext der schamanischen Tätigkeit zur Seite geschoben und sowieso in der Regel für Humbug erklärt. Die übergeordnete Motivation, ein solches Medikament zu entwickeln, ist Geld. Die Milliarden, die sich mit einem Antidepressivum verdienen lassen, locken wie einst das Gold der Inka.
Ein wirksames antidepressives Medikament hilft gegen depressive Symptome, gegen gedrückte Stimmungslage oder Antriebslosigkeit. Die zugrundeliegende Dynamik des depressiven Krankheitsprozesses kann mit einem Antidepressivum nicht erreicht werden. Grundlegend anders als im Yajé-Ritual: Während des schamanischen Heilrituals geht es darum, die Fundamente der Persönlichkeit zurechtzurücken. Hier geht es der Depression an die Wurzel.
Trauer
Die Schamanen im westlichen Amazonasbecken sind am Aussterben. Die Jahrtausendealte indigene Kultur in dieser Region wird in unseren Tagen endgültig vernichtet. Mit ihrem Verschwinden geht Unschätzbares verloren. Das vielfältige schamanische Wissen über die Heilkräfte der Natur im tropischen Regenwald, über Steine, Pflanzen, Tiere und die Menschen, geht dahin und ist nirgendwo konserviert. Alles Wissen über das schamanische Universum verflüchtigt sich. Die Heilkunst der Schamanen, aus der unsichtbaren spirituellen Wirklichkeit heraus leidenden Menschen zu helfen, geht unwiederbringlich verloren. Es zerreißt einem das Herz. Was bleibt, ist Trauer.



























































