Spirituelle Kraft zur Rettung der Welt:
Sierra Nevada de Santa Marta
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Eine indigene Enklave
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Das Herz der Erde
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Der "Mamu"
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„Aluna“
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Unterdrückt und gedemütigt, aber in ihrer Identität ungebrochen
Eine indigene Enklave
Die Sierra Nevada de Santa Marta ist ein imposantes Gebirgsmassiv im Norden Kolumbiens. Es erhebt sich pyramidenförmig aus dem tropischen Tiefland an der karibischen Küste bis auf knapp sechstausend Meter. Als die Spanier um 1500 erstmals diese Region betraten, trafen sie auf die Tairona. Die Tairona lebten hier seit fast eintausend Jahren in einer Hochkultur. Die Berghänge wurden im Terrassenanbau kunstvoll bewässert und landwirtschaftlich genutzt. Ein Netzwerk aus gepflasterten Straßen, Brücken und Treppen durchzog die Berglandschaft. Größere Dörfer fanden sich vor allem in unteren Lagen des Bergmassivs. Die Tairona beherrschten die Metallverarbeitung und Töpferei und fertigten kunstvollen Schmuck.
Bald kam es zum Krieg zwischen Spaniern und Indigenen, der sich über fünfundsiebzig Jahre, also über drei Generationen, hinzog und keinen Sieger hinterließ. 1599 führte die damalige Weltmacht Spanien ein neues Heer in den Kampf mit dem einzigen Auftrag: Ausrottung aller Indigenen. Diesmal waren die Spanier erfolgreicher. Sämtliche Dörfer in der Sierra Nevada wurden zerstört und alle Indigenen, soweit sie von den Spaniern gesichtet wurden, erschossen.
Einigen Tairona gelang die Flucht in größere Höhen. In unwegsamen Höhlen überlebten kleinere Gruppen und bewahrten ihre kulturellen Traditionen. Im Lauf der Jahrhunderte vermehrten sie sich und zogen langsam von den höchsten Höhen wieder in die verlassenen Täler im mittleren und im unteren Gebirgsbereich. Diese geschichtliche Entwicklung hatte zur Folge, dass das Zentrum der Sierra Nevada eine indigene Enklave geworden ist, in der sich das kulturelle Erbe aus der Zeit vor der spanischen Eroberung erhalten hat.
Das Herz der Erde
Heute leben in der Sierra Nevada de Santa Marta etwa 30.000 Indigene in mehreren miteinander verwandten Völkern. Etwa 6.000 Arhuaco haben sich in 2000 Metern Höhe angesiedelt und etwa 20.000 Kogi in größeren Höhen. Beide Völker sind unmittelbare Nachfahren der Tairona und leben in deren kultureller Tradition. Eng mit der Natur verbunden begreifen sie die Sierra Nevada als das Herz der Erde.
Wie schon bei meiner ersten Reise zu den Siona begleitete mich Fabio, ein freundlicher Kolumbianer aus Bogota, auch auf dieser Reise in die Berge. Unser Ziel war Nabusimake, das spirituelle Zentrum der Arhuaco, auf 2100 Metern Höhe. Der Lehmboden auf der einzigen Straße nach oben war trocken und rissig und schwer zu fahren. Wenn es hier mal regnet, dann geht nichts mehr. Um diese Strecke zu meistern, bedarf es eines geländegängigen Fahrzeugs und eines versierten Fahrers. Ein Beifahrer war auch immer dabei, für den Fall, dass man steckenbleibt.
Wir übernachteten in der Umgebung von Nabusimake bei einer indigenen Familie. Dabei schliefen wir auf Strohsäcken, Flohstiche inklusive. Ich bedankte mich bei unserer Gastgeberin mit Akupunktur gegen ihre Kopfschmerzen. Zum Waschen stiegen wir in einen eiskalten Bergbach.
Die Gegend glich einer Alpenlandschaft. Bei unseren Gängen ins Ortszentrum mussten wir schmalere und auch einen breiteren Fluss überqueren. Eine Brücke in der Nähe unserer Unterkunft ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Sie bestand lediglich aus einem Baumstamm und als Handlauf fungierte ein lockerer wackeliger Draht. Beim ersten und einzigen Mal schaffte ich es mit äußerster Not und zittrigen Beinen bis zur anderen Seite des Balkens. Von dort oben in den steinigen Bach zu fallen, wäre wahrhaftig kein Vergnügen gewesen. Von da an nahm ich stets lieber einen großen Umweg in Kauf.
Arhuaco und Kogi kleiden sich traditionell in langen weißen Baumwollkleidern. Die Männer tragen einen charakteristischen helmartigen weißen Hut. Auffallend sind die schönen langen schwarzen Haare, sowohl der Frauen als auch der Männer.
Die Arhuaco verhalten sich Fremden gegenüber eher abweisend, die Kogi sind völlig unzugänglich. Es wird erzählt, dass die Kogi bestimmte ihnen heilige Bereiche ihres Territoriums durch Barrieren schützen, die sie mit Schlangen und Skorpionen gespickt haben. Nur ganz wenigen Weißen ist es bisher gelungen, ihr Vertrauen zu gewinnen und Einblicke in ihre reiche Kultur zu bekommen.
Es fällt auf, dass die Männer ständig Kokablätter kauen und auch, dass sie alle einen ausgehöhlten Flaschenkürbis bei sich tragen. Von Zeit zu Zeit stochern sie mit einem Holzstab in dem Kürbis herum. Darin befindet sich gemahlener Muschelkalk von der nicht fernen karibischen Küste. Während sie die Kokablätter kauen, saugen sie wiederholt an dem Stab, mit dem sie den Muschelkalk aus dem Kürbis herausziehen.
Der alkalische Kalk ist erforderlich, um die Wirkstoffe aus den Kokablättern, allen voran das Kokain, freizusetzen. Speichel und Magensaft wandeln das derart aus den Blättern aufgenommene Kokain in milde Abbauprodukte um.
Die Indigenen der Sierra Nevada betrachten den Kokastrauch als ein göttliches Geschenk. Koka sättigt die Hungrigen, stärkt die Schwachen und lässt die Menschen all ihr Missgeschick vergessen. Ohne Koka ist es undenkbar, dass Arhuaco und Kogi und mit ihnen die Kultur der Tairona überlebt hätte. Niemand stirbt an den Folgen des Koka-Kauens. Keiner möchte es missen.
Der „Mamu“
Ich werde dem Priester des Ortes, dem „Mamu“, vorgestellt und trage ihm mein Anliegen vor. Als Arzt aus Deutschland bin ich unzufrieden mit meiner ärztlichen Tätigkeit. Das westliche Medizinsystem nimmt eine falsche Richtung. Ich möchte gern von der Kultur der Arhuaco lernen. Er mustert mich schweigend und lässt nach einer bestimmten Person rufen. Wenig später erscheint eine Frau mittleren Alters mit einem dramatisch aussehenden hochgeröteten Unterschenkel, einer oberflächlichen Thrombophlebitis, einer Venenentzündung. Ich vermittle ihnen, dass es nichts Bedrohliches ist und habe zufällig eine große Tube Heparinsalbe im Gepäck. Das sollte helfen.
Daraufhin lädt der „Mamu“ uns ein, ihn zu begleiten. Da er selbst kaum spricht, ist es gut, dass eine ältere, ihm vertraute Frau uns begleitet, die durchaus gesprächig auf alle Fragen eingeht. Der „Mamu“ führt uns in ein abgelegenes Seitental zum Zeremonialhaus. Dieser Tempel ist ein runder Bau, dessen spitz zulaufendes Strohdach wie ein langer Mantel ganz bis zum Boden reicht. Die geschwungene Form dieses Reetdaches wirkt sanft, weiblich. Das Zeremonialhaus ist das Haus der „Großen Mutter“. Davor ist ein freier Platz, der von Sitzplätzen aus Steinquadern im Rund begrenzt wird. Hier nehmen bei ihren Zeremonien die Lebenden und auch die Toten Platz.
Der „Mamu“ spricht sehr wenig, ein guter „Mamu“ spricht nie viel. Seine Begleiterin erläutert: Die Ausbildung zum Priester vollzieht sich bei den Arhuaco in eigentümlicher Strenge. Im Kindesalter wird das erwählte Kind aus seiner Familie herausgenommen und lebt von nun an in der Familie eines Lehrers an einem einsamen Platz in den Bergen. Das Kind verbringt Jahre in völliger Dunkelheit. Es wird nach Sonnenuntergang geweckt und hat sich kurz vor Anbruch des Tages schlafenzulegen. Das Kind darf die Sonne nicht sehen und der Jüngling darf kein Mädchen sehen.
Das nächtliche Leben ist gefüllt mit Unterricht und Ausbildung. Der Novize wird eingeführt in die Mythologie des Stammes, in ihre Gebete und Gesänge. Vor allem lernt er, sich in meditativer Versenkung mit der unsichtbaren spirituellen Welt zu verbinden. Die Ausbildung umfasst auch das reiche naturkundliche Wissen der Indigenen, Pflanzenheilkunde, Meteorologie, Astronomie.
Dieser ganz auf die Innenwelt ausgerichtete Werdegang der indigenen Priester in der Sierra Nevada erinnert mich an Ramana Maharshi, den großen Weisen aus Südindien. Ramana hat als Heranwachsender viele Monate in tiefer Versenkung in einem unterirdischen Schrein des großen Tempels in Tiruvannamalai verbracht. In Dunkelheit, schweigend. Nachdem man ihn dort gegen seinen Widerstand herausgezerrt hatte, verbrachte er knapp 20 Jahre in einer Höhle auf dem heiligen Berg oberhalb des Tempels. In diesem Werdegang, in Dunkelheit und in der Abgeschiedenheit der Berge, reifte er zum spirituellen Meister.
„Aluna“
Der zentrale Begriff, um den sich hier in der Sierra Nevada alles dreht, ist „Aluna“. Es ist die unsichtbare Kraft, die hinter allem wirkt. Aluna ist so etwas wie die „innere Wirklichkeit“ der Welt. In der Lebensauffassung der indigenen Völker auf den Höhen der Sierra Nevada gibt es keine Trennung: Die Menschen, die Berge, die Vögel, die Seen und Flüsse, alles ist miteinander verwoben. Aluna durchwirkt die gesamte Welt wie mit einem goldenen Faden, heißt es. Aluna hält dieses „All-Eins“, dieses subtile Gewebe im Gleichgewicht.
In meditativer Versenkung, während ihrer Maskentänze und bei anderen Zeremonien, ist es für Arhuaco und Kogi möglich, mit Aluna in Kontakt zu treten. Von Aluna erfahren sie, was ihre Aufgabe ist und was sie zu tun haben. Aluna macht es ihnen möglich, mit den Toten zu reden und in die Zukunft zu schauen.
Auf dem Rückweg vom Zeremonialhaus machen wir Halt. Der „Mamu“ wählt einen Platz mit einem zauberhaften Blick auf einen der Gipfel der Sierra Nevada. Er führt mit mir eine meditative Übung durch. Reinigen, lautete der ständig wiederholte Auftrag. Reinigen von Körper, Geist und Seele, vor allem der geistigen Kräfte.
Anschließend setzt er sich zu mir und kommt auf den bedrohlichen Zustand der Erde zu sprechen. Arhuaco und Kogi nennen einander „Ältere Brüder“, weil sie Kontakt haben zur inneren Wirklichkeit der Welt. Alle anderen Völker sind für sie „Jüngere Brüder“. Die Jüngeren Brüder, besonders die Weißen, haben diesen Kontakt verloren. Unter ihrer rücksichtlosen Ausbeutung und Verwüstung der Erde leidet das sensible Gleichgewicht, auf dem alles Leben beruht. Das Überleben der Menschheit ist in Gefahr.
Von den Höhen der Sierra Nevada fühlen sich diese Völker verpflichtet, die Erde zu beschützen. Sie sehen es als ihre heilige Aufgabe, über Aluna zu wachen, um die bedrohte Balance der Erde zu wahren. Dazu setzen sie ihre ganze spirituelle Kraft ein.
Und der Mamu sagt: Ihr weißen Ärzte behandelt zu viel. Ihr macht zu viel. Als persönliche Botschaft an mich fügt er hinzu: Versuche, den Mut zu finden, aus dem Geist heraus zu heilen, aus der inneren Kraft, die du verspürst.
Unterdrückt und gedemütigt, aber in ihrer Identität ungebrochen
Die Überlebenden des Vernichtungsfeldzugs, den die Spanier um 1600 gegen die Indigenen der Sierra Nevada verübten, wuchsen über die Jahrhunderte langsam wieder zu größeren intakten Gemeinschaften heran. Die Kogi auf 4000 Metern Höhe riegeln sich bis heute konsequent gegen alle Einflüsse von außen ab. Die katholische Kirche blieb draußen. Staat und Militär sahen keine Veranlassung, sich in diesen Höhen zu engagieren.
Die Arhuaco auf 2000 Metern Höhe hingegen sind seit langem permanenten Bedrohungen ausgesetzt. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde ihr Siedlungsgebiet von Kapuzinermönchen besetzt, die die Indigenen als Zwangsarbeiter versklavten. In den Achtzigerjahren nahmen sich weiße Siedler größere Gebiete vom Land der Arhuaco, um Coca und Marihuana anzubauen. Später kamen die Guerilleros, um sich über den Drogenhandel zu finanzieren.
Als sich die Guerilleros mit immer größerer Selbstverständlichkeit von den Frauen der Arhuaco verpflegen ließen, veranstalteten die Priester, so wurde mir erzählt, eine besondere Zeremonie in ihrem Tempelbezirk. Den Guerilleros soll derart der Schrecken in die Glieder gefahren sein, dass sie sich fortan nicht mehr blicken ließen.
Als auf einem heiligen Berg der Arhuaco ein Fernsehturm errichtet wurde, verletzte das ihr Lebensgefühl zutiefst. Es bildete sich eine Befreiungsbewegung, die den Landraub stoppte und die Kapuziner vertrieb. Die Antwort der katholischen Kirche kam prompt: Unter Militärschutz wurde eine Missionsstation für Nonnen eingerichtet.
Die Arhuaco leben noch heute ihre kulturellen Traditionen. Noch trotzen sie der Kirche. Die Hauptgefahr für die traditionelle Ordnung, für ihre indigene Identität, droht heute durch den Einzug des Fernsehens und sozialer Medien. Wenn auf diesem Weg die „Jüngeren Brüder“ eines Tages die Oberhand über die „Älteren Brüder“ erlangen, dann ist es um die Balance unserer Erde schlecht bestellt.

























