top of page
PICT0715_edited_edited_edited.jpg

China: Alte Chinesische Heilkunst

  • Ein Nadelstich in Ding Chuan

  • Begrüßung des Morgens

  • Wohltuende Hände

  • Qi-Magier

  • Das Dao

  • Der Fluss des Lebens

  • Der Herz-Meridian

  • Aufspüren des Qi

  • Lenken des Qi

  • Mit natürlichen Mitteln

  •  Qi-Gong beim Himmelstempel

  • Im Abseits

Begrüßung des Morgens im Nebel

Ein Nadelstich in Ding Chuan

Im Frühjahr 1989 hospitierte ich in der Klinik für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) in Fuzhou, einer damals rund zwei Millionen Einwohner zählenden Küstenstadt etwa auf Höhe Taiwans. Es war eine Zeit des Aufbruchs. Die jüngeren chinesischen Ärzte träumten fast alle von Reisen und längeren Aufenthalten im Ausland, etwa in Australien oder auch in Europa. Ausländische Gäste waren hoch willkommen. Ein Vierteljahr später, am 4. Juni 1989, wurde die chinesische Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking niedergewalzt. Unzählige junge Menschen starben.

 

Als eine jüngere Frau in die Klinik in Fuzhou mit einem Asthmaanfall eingeliefert wird, lässt mich der Aufnahme-Arzt rufen, damit ich der Behandlung zusehen kann. Er sieht sich die Patientin genau an, lässt sich die Zunge zeigen und nimmt ihren Puls. Das alles dauert nicht lange. Dann nimmt er zwei Akupunkturnadeln und sticht ihr „Ding Chuan“, einen Punkt am Nacken in Höhe des großen Wirbels auf beiden Seiten. Er sticht nicht tief, etwa zwei bis drei Zentimeter und dreht zügig an den Nadeln, während er sie gleichzeitig vor und zurück schiebt. Die nach Luft ringende Patientin beruhigt sich. Er setzt ihr noch jeweils zwei weitere Nadeln in beide Unterarme und eine unterhalb des Knies. Innerhalb von Minuten findet die Patientin, erschöpft wie sie ist, wieder zu sich. Er nimmt noch einmal ihren Puls und ist mit seiner Arbeit zufrieden.

 

Er erklärt mir, dass bei dieser jungen Frau beide Pole, die Yang-Seite wie die Yin-Seite hochgradig überaktiviert waren. Der Stich in Ding Chuan hat dies durchbrochen. Er werde später, wenn sich die Patientin etwas ausgeruht hat, mit ihr sprechen, ihr eine Diät anordnen und eine Kräuterbehandlung rezeptieren.

 

Der chinesische Oberbegriff für das, was bei uns verkürzt als Akupunktur bezeichnet wird, lautet „zhen jiu“. Zhen ist die Nadel und Jiu die Moxa und bedeutet so viel wie „Stechen und Brennen“. Moxakraut besteht aus getrockneten und fein geriebenen Beifußblättern (Artemisia). Bei der traditionell und auch in dieser Klinik vielfach angewendeten Moxibustion verglimmen getrocknete Moxafasern über Akupunkturpunkten. In Fuzhou kamen gern sogenannte Moxa-Zigarren zum Einsatz, mit denen die Patienten ihre gestochenen Nadeln selbst erhitzen konnten. Die Hitze fördert den Fluss des Qi. Besonders bei akuten Symptomen kommt diese Kombination aus Stechen und Brennen zum Einsatz.

 

Die folgende Bilderserie ist dem Klinikalltag gewidmet. Das erste Foto zeigt die Hauptstraße, an der die TCM-Klinik lag. Ein historisches Foto aus einer Zeit, als sich die Zwei-Millionen-Stadt Fuzhou anno 1989 noch in einem Dornröschenschlaf befand. Die ersten beiden Patienten, die mit Akupunktur behandelt wurden, klagten über Augenprobleme beziehungsweise über anhaltende Kopfschmerzen. Die Person mit der großen Moxa-Zigarre in der Hand stimuliert ihre feinen rund um das Kniegelenk gesetzten Akupunkturnadeln. Diese Frau hatte eine akute Kniegelenksschwellung. Das Baby wurde wegen einer Gesichtslähmung behandelt – der Arzt hatte die Nadeln gesetzt, der Vater hält eine Moxazigarre in der Hand.

 

Der nächste Patient klagte über Schmerzen im Bereich des Ellenbogens („Epikondylitis, Tennisellenbogen“). Die Behandlung erfolgte über eine Moxibustion eines benachbarten Akupunkturpunktes, wobei auf einer Scheibe Ingwer ein Moxa-Kegel verglimmt. Die Erwärmung des Unterbauchs gilt in China häufig als Mittel gegen Potenzstörungen. Breitflächige Erhitzung des unteren Rückens löst schmerzhafte Verspannungen.

 

Mir fiel auf, dass der Patient mit den Ellenbogenbeschwerden Besuch von einem Arbeitskollegen aus seiner Einheit bekam. Der Besucher war für diesen Tag von seinem Betrieb abgestellt, den kranken Kollegen in der Klinik zu besuchen. Heute undenkbar, ging in den chinesischen Staatsbetrieben damals alles noch seinen sozialistischen Gang.

 

Auf den beiden abschließenden Fotos ist zunächst in der Bildmitte im weißen Kittel der Arzt zu sehen, der zu meiner Betreuung abgestellt war. Es folgt ein Straßenstand ganz in der Nähe der Klinik, bei dem ich abends gern etwas gegessen habe. Beide Fotos zeigen unverstellt freundliche Menschen, deren Gesichter die Aufbruchsstimmung in der Volksrepublik China in diesen Frühlingstagen widerspiegelt

Wohltuende Hände

Die chinesische Massage unterscheidet sich schon rein äußerlich insofern von der uns geläufigen Praxis, als dass die Patienten dabei vollständig angezogen bleiben. Das dürfte im Wesentlichen praktische Gründe haben: Während unsereins im Frühling bereits im Hemd herumläuft, tragen Chinesen gern viele Klamotten, zwei bis drei Pullover übereinander. Die Masseure fühlen sich durch die Kleidung nicht gestört.

 

Bei der Rückenmassage gilt das Interesse des Therapeuten dem Blasenmeridian (siehe Skizze). Der Blasenmeridian reicht von Kopf bis Fuß und ist von großer  Bedeutung für den Qi-Fluss von der Nackenmuskulatur bis in die Beine. Über den Blasenmeridian können die Beckenorgane und auch die Nieren beeinflusst werden. Die Therapeuten gehen mit Fingerspitzengefühl und auch unter Einsatz ihrer ganzen Armkraft vor. Eine besonders intensive Stimulation des Qi-Flusses erfolgt bei einer Schröpfmassage. Durch Erhitzen entsteht in den typisch glockenförmigen Zylindern ein Unterdruck, der die Hautdurchblutung stark anregt. Anschließend wird durch Massage des gereizten Areals und einige chiropraktische Griffe dem Qi-Fluss weiter auf die Sprünge geholfen. Bei diesen Griffen geht es nicht immer zimperlich zu.

 

Ich ließ mich in der Klinik in Fuzhou gern selber massieren. Einem Therapeuten erzähle ich vor der Massage, dass ich mich im Schulter-Nacken-Gürtel verspannt fühle und zudem seit Tagen mit der Verdauung Probleme habe. In einem freundlichen Vorspiel drückt er mir einige Punkte am Nacken und im Bereich der Schulterblätter. Dann beginnt er, Punkte auf dem Dickdarm-Meridian an beiden Händen und vor allem den hochempfindlichen Punkt „Dickdarm 10“ an beiden Unterarmen kräftig zu bearbeiten. Er drückt dermaßen fest zu und lässt nicht locker, dass ich hätte schreien können. Einen derartigen Gesichtsverlust vor den Augen der zuschauenden Schwestern und Pfleger will ich mir jedoch nicht antun, aber sein Tun bewegt sich jenseits meiner Schmerzgrenze.

 

Als der Masseur meinen Rücken vornimmt, muss ich unwillkürlich an Andres Segovia denken. Ähnlich dem Altmeister des Gitarrenspiels spielt auch dieser Meister seiner Kunst mehrstimmig kontrapunktisch auf den Saiten meiner Rückenmeridiane. Zum Abschluss werde ich noch etwas durchbewegt. Nach einem zupackenden Griff erzeugt die Wirbelsäule ein perlendes Knacken vom Kreuz bis zum Nacken und anschließend wird auch noch der Kopf zurechtgerückt. Ich habe ein herrlich warmes Gefühl im Rücken und bin ungeheuer erfrischt. Die Verdauung stellt sich in den Folgetagen wie von selbst ein.

Qi-Magier

Es ist schon Nacht, als die Qi-Heilerinnen in der Klinik für TCM in Fuzhou eintreffen. Eine Gruppe von Patienten steht bereit, Gastärzte dürfen sich einreihen. Die Anweisung besteht lediglich darin, aufrecht zu stehen, die Augen zu schließen und loszulassen. Der Raum ist groß und ziemlich dunkel. Anfangs hört man nur die tiefen, fast schnaubenden Atemgeräusche der sich konzentrierenden Heiler.

 

Als ich merke, dass eine Heilerin sich mir zuwendet, bin ich neugierig. Sie hat es auf den Punkt zwischen meinen Augen abgesehen. Obwohl ihre Hände mich nie berühren, spüre ich deutlich eine starke elektrisierende Hitze in der Mitte meiner Stirn. Durch die Bewegung ihrer ausgestreckten Hand kann sie diesen Wärmestrom bis zum Nabel herunter führen. Als sie „Mingmen“, „Das Tor des Lebens“ im oberen Kreuzbereich bearbeitet, durchsticht ein heftiger Schmerz meinen Kopf. Nach seinem Abklingen fühle ich mich gut. Doch es wird mir unheimlich. Ich bekomme Angst, die Kontrolle über mich zu verlieren. Ich öffne die Augen und ziehe mich aus der Prozedur zurück.

 

Mehrere Patienten geraten nach und nach in Trance. Eine junge Frau droht zu fallen. Sie wird aufgefangen und sanft auf den Fußboden geleitet. Man hätte sie wegtragen können, ohne dass sie etwas gemerkt hätte. Die Hände in Pfötchenstellung, weilt sie in einem fernen Land.

 

Diese Form der Behandlung scheint geeignet, schwere Blockaden zu lösen. Ich persönlich habe in meiner allgemeinärztlichen Praxis gern Warzen durch das Aussenden von Qi aus der Mitte meiner Handfläche zum Verschwinden gebracht. Und auf meinen Reisen zu indigenen Völkern in Kolumbien und Peru hatte der Qi-Strahl aus meiner Hand vielfältige heilende Wirkungen. Das alles war allerdings weit entfernt von den Künsten dieser Qi-Magierinnen.

Das Dao

„Yin und Yang“ kennt jeder. Auch von der Nummer 3 im Bunde, dem „Qi“, haben viele schon gehört. Doch was bedeuten diese Begriffe eigentlich genau? Was bedeuten sie im chinesischen Verständnis?

 

Um hier Klarheit zu verschaffen, ist ein Ausflug in die chinesische Geistesgeschichte unumgänglich. Im 6. Jahrhundert v. Chr., also vor gut zweieinhalb Jahrtausenden, wurde in China eine Geistesrichtung formuliert, in der Yin und Yang und Qi von zentraler Bedeutung sind. Es handelt sich um den Daoismus, der bis heute lebendig ist.

 

Die daoistische Sicht von der Erschaffung des Universums ist der Schlüssel, um zu einem Verständnis vom Qi und von Yin und Yang zu gelangen. Der chinesischen Geistestradition ist der Gedanke an eine göttliche Schöpferkraft fremd. So ist es auch in der daoistischen Philosophie: Nicht Gott erschafft die Welt, sondern es heißt: Am Anfang ist die Leere. Die Leere ist die Urquelle, das Dao. Dieser Urquell ist ein Reich der unbegrenzten Möglichkeiten. Das Dao ist die Matrix, auf der alles spielt.

 

Die Leere erzeugt im daoistischen Kosmos „das Eine“ oder „das Höchste Vollendete“, aus der eine dualistische Tendenz in Form von Yin und Yang geformt wird. Das Wechselspiel von Yin und Yang erzeugt als dritte Kraft „Qi“, die kosmische Energie. Die Schöpfung in ihrer ganzen Vielfalt entsteht durch das Zusammenwirken von Yin und Yang und Qi.

 

Die alten Weisen in China benutzen bevorzugt Bilder, um ihre intuitiv erkannten Weisheiten der Menschheit mitzuteilen. Das Dao, das in Worte gefasst wird, ist nicht das richtige Dao, so heißt es. Mit Worten, mit Formeln und Beweisen kann das Dao nicht erfasst werden. Bestenfalls kann man sich ihm in Metaphern nähern. Die daoistische Weisheitslehre geht über ein rationales Verständnis weit hinaus.

 

Zur Veranschaulichung von Yin und Yang wird gern auf die dunkle und die helle Seite eines Berges verwiesen. Die besonnte Seite eines Berges steht für Yang, die schattige für Yin. Mit dem Lauf der Sonne beginnt die besonnte Seite schattig zu werden, sobald Yang seinen Gipfel erreicht hat, und umgekehrt wird die schattige Seite sonnig. Ebenso ist es mit der tiefen Mitternacht, die allmählich in Dämmerung übergeht, sobald der Höhepunkt der Finsternis überschritten ist. Beide polaren Kräfte tragen den Keim des Gegenspielers in sich.

 

Das wechselseitige Ineinandergreifen von Yin und Yang geschieht in permanenter Bewegung und Veränderung. Die Beziehung von Yin und Yang ist eine dynamische, es handelt sich nicht um ein statisches Gegenüber. Schwingung greift in Schwingung als Basis für den Fluss des Qi.

Der Fluss des Lebens

Qi ist die kosmische Energie, die alles durchdringt. Alle Erscheinungen innerhalb des Universums werden durch das Qi zu einem Ganzen verbunden. Qi verbindet uns mit dem Kosmos. Jeder Mensch verfügt über Qi von der Zeugung bis zum Tod. Qi ist die Lebenskraft eines Menschen. Wenn das Qi erlischt, erlischt das Leben.

 

Im Zeitalter von Newton und Descartes wurden die Grundlagen unserer modernen Naturwissenschaften gelegt. Es galten nur noch messbare Fakten. So gelangte man zu präzisen Vorstellungen von der Mechanik des menschlichen Organismus. Ein Verständnis vom Qi, vom Wesen des Lebendigen, das sich jeder Messbarkeit entzieht, geriet außerhalb des Blickfeldes. Damit verarmte die naturwissenschaftliche Medizin früh in ihrem Erkenntnishorizont.   

 

In chinesischen Texten wird das Qi mit dem Atem oder mit der Luft verglichen. Qi ist etwas Feinstoffliches, das im Körper zirkuliert, so fein und dünn, dass es nicht greifbar ist. Es ist jedoch dem Gespür zugänglich. Ein Verständnis des Qi gelingt nur in Bildern, wie etwa: Der Fluss des Lebens. Aber auch so etwas wie Schwingung oder Klang sind Metaphern, die sich dem Wesen des Qi annähern.

 

Der Qi-Fluss aktiviert alle organischen Funktionen des Körpers. Qi sorgt für die Erwärmung, die Kräftigung, die Belebung und den Schutz des Körpers. In seiner feinstofflichen Natur durchdringt es den gesamten Organismus, von der Oberfläche bis in alle Tiefen. Dabei gibt es Bahnen, auf denen sich das Qi bevorzugt bewegt.

 

Wenn man mit einer Akupunkturnadel einen Punkt wie Ding Chuan sticht, dann löst man ein „De-Qi“ aus. De-Qi wird etwa mit „Erreichen/Wecken des Qi“ oder „Ankunft des Qi“ übersetzt. Bei diesem Qi-Gefühl handelt es sich um einen dumpfen tiefen Schmerz. Die Erfahrung zeigt, dass sich das Qi-Gefühl vom gestochenen Punkt ausgehend in bestimmten Bahnen ausbreitet. Wenn man beispielsweise „Zusanli“ sticht, bei uns als „Magen 36“ bekannt, ein Punkt knapp unterhalb des Knies neben dem Schienbein, dann strahlt das Qi-Gefühl im Allgemeinen bis in den Fuß zur zweiten Zehe aus. Aus diesen Beobachtungen entstand das System der Leitbahnen, wir sprechen von Akupunktur-Meridianen.

 

Der Erfolg einer Akupunktur-Behandlung ist eng an die Auslösung eines De-Qi gebunden. Das Qi will geweckt sein, wenn eine körperliche oder auch psychische Störung beseitigt werden soll. Einmal geweckt, ist es der Qi-Fluss, der heilt.

Der Herzmeridian

1.jpeg

Ich möchte einen Meridian herausgreifen: Den Herzmeridian (siehe Skizze). Er beginnt im Innern des Brustkorbes, seine „Quelle“ ist das Herz. Von hier strömt das Qi einerseits zum Bauch, andererseits zum Hals bis hin zur Zunge. Ein weiterer Weg führt beidseits in die Achselhöhle. Hier erreicht der Herzkanal die Haut und dementsprechend beginnt in der Mitte der Achselhöhle der von der Akupunktur her bekannte Anteil des Herzmeridians. Das Qi fließt an der Innenseite der Arme abwärts bis zur Kuppe des kleinen Fingers, um dort in den nächsten, den Dünndarm-Meridian überzutreten. Herzbeschwerden bei einem Angina-pectoris-Anfall und auch die Schmerzen beim Herzinfarkt breiten sich ziemlich exakt entlang dieser Bahnen aus: vom Herzen zum Bauch, zum Hals, und an der Innenseite des linken Arms bis in die Spitze des kleinen Fingers.

 

Das Herz ist in der chinesischen Medizin der Hitze und dem Feuer zugeordnet. Das Herz ist Sitz der Freude, und auch der Sitz des Geistes, dem in der chinesischen Kultur die wichtige Aufgabe zukommt, die Gefühlswelt zu ordnen und die Emotionen in maßvollen Grenzen zu halten. Es heißt, „das Herz öffnet sich über die Zunge“ und „die Balance des Herzens spiegelt sich in den Gesichtszügen“. Diese beiden poetischen Formulierungen sind ein gutes Beispiel für die Kunst der alten chinesischen Medizin, dem Lebendigen im Menschen gerecht zu werden. Solche Zusammenhänge entgehen zwangsläufig unserer naturwissenschaftlichen Medizin, deren Fundament die Leichenschau ist.

 

Einem Patienten mit Brustenge und Herzbeschwerden könnte in der traditionellen chinesischen Medizin folgende Diagnose gestellt werden: Es handelt sich um einen Stau des Leber-Qi, welcher neben Herzbeschwerden auch erhöhten Blutdruck, Kopfschmerzen, Magengeschwür und Kreuzschmerzen verursachen kann. Wenn starke Emotionen – insbesondere Wut, auch depressives Grübeln und Angst – im Körper angestaut bleiben und keinen Weg nach außen finden, resultiert daraus ein Anstau des Leber-Qi.

 

Laut der Lehre von den „5 Elementen“ heißt eine Metapher: „Das Holz der Leber verbrennt im Feuer des Herzens“. Um es nicht dazu kommen zu lassen, ist Akupunktur hilfreich. Um im Bild zu bleiben: Man sollte sich bemühen, das angehäufte „Holz der Leber“ abzutragen. Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten. Um das Leber-Qi zu entlasten, wird man sicher neben anderem den Endpunkt des Leber-Meridians stechen, der sich ein wenig unter den Brustwarzen befindet. In der chinesischen Terminologie heißt dieser wichtige Punkt: „Qimen“, „Tor des Qi“. Durch dieses Tor kann angestautes Qi entweichen. In der Hand des Kundigen können solche Nadelstiche an ausgewählten Punkten den Qi-Fluss regulieren. Die Kunst der Akupunktur ist bei Herzbeschwerden, beim Herzanfall und zur Vorbeugung eines Herzinfarkts von starker Wirkung.

Aufspüren des Qi

Im diagnostischen Vorgehen lässt sich ein Arzt der traditionellen chinesischen Medizin Zeit mit seinen Patienten. Natürlich geht es um die aktuellen Beschwerden, aber immer auch um die Lebensgewohnheiten und das psychosoziale Umfeld. Der Arzt schaut auf Körperbau und Haltung. Wie bewegt sich der Patient? Wie ist der Zustand seiner Haut, seiner Haare, der Nägel? Wie steht es um den Glanz seiner Augen? Spiegelt sich vitale Ausstrahlung und geistige Präsenz? Wie klingt die Stimme?

 

Die Pulstastung ist in der chinesischen Medizin von grundlegender Bedeutung. Die Pulsfrequenz, die Schnelligkeit des Pulses, ist dabei nur ein Kriterium unter vielen. Den traditionellen Arzt interessiert vor allem der Charakter des Pulses. Die unterschiedlichen Pulsqualitäten, die sich dem tastenden Finger darbieten, sind eine Weisheit für sich: So spricht man beispielsweise von einem „Verschwindenden Puls“ als Ausdruck eines erheblichen Vitalitätsverlustes. Der Puls ist dann sehr weich, fein, kaum tastbar. Wenn man ihn unter der Fingerkuppe sucht, ist er wie Watte.

 

Es gibt einen „rauen“ Puls, dessen Qualität als schabend, uneben, stachelig zu beschreiben ist. Es gibt einen „zerfließenden“, einen „hohlen“, einen „leeren“ oder auch einen „sanften“ Puls. Wenn der Puls wie eine Gitarrensaite gespannt ist, spricht man von einem „saitenförmigen“ Puls. Ein „gleitender“ Puls wird in der Literatur umschrieben als „wie eine Perle in einer Schale“. Als ich einmal einen sanft gleitenden Puls bei einer Patientin tastete, wurde mir ganz warm in der Brust. Ich fragte sie daraufhin ins Blaue hinein, wieso es ihr so gut gehe. Sie war ganz verdutzt und antwortete: Ja, ich bin verliebt.

 

Die einzelnen Pulsqualitäten spiegeln den Qi-Fluss. In der Pulswelle bietet sich das Qi dem Feingefühl der Fingerkuppe dar. Mit der Pulstastung ist es möglich, die aktuelle Verfassung des Qi und damit die aktuelle Verfassung des Menschen zu erspüren.

 

In der traditionellen chinesischen Medizin geht es weniger um die Einkreisung und Abklärung eines isolierten Symptoms, seien es Magen- oder Herzschmerzen. Es geht vielmehr darum, die Beschwerde, die aktuell im Vordergrund steht, in Bezug zum Ganzen zu sehen. Es geht stets um Synthese, um das Gesamtkonzert aller Lebensfunktionen. Das Verbindende, das alles zum Ganzen fügt, ist der Qi-Fluss.

Lenken des Qi

Krankheiten beruhen nach traditioneller chinesischer Auffassung auf äußeren Ursachen wie Kälte oder Nässe oder auf inneren Ursachen, wie Angst, gestaute Wut oder Depression. Diese Einflüsse bringen das innere Gleichgewicht durcheinander und stören das Zusammenspiel von Yin und Yang. Als Folge des gestörten inneren Gleichgewichts kommt es zu Störungen des Qi-Flusses: Zum Stau oder zum Überquellen, zur Einengung oder auch zum Austrocknen. Ein dürftiges Rinnsal beeinträchtigt die Qi-Funktionen genauso wie ein über die Ufer tretender Strom.

 

„Wer das Qi zu lenken weiß, nährt im Inneren seinen Körper und wehrt nach außen hin schädigende Einflüsse ab“, heißt es in altem Text aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. Ob mit Akupunktur, Massage, der Behandlung mit Kräutern und Diätetik oder mit Qi-Gong, den vielfältigen chinesischen Bewegungsübungen, den Atem- und meditativen Übungen, stets gilt es, dem Qi zu einem freien und ungehinderten Fluss zu verhelfen. So kann vieles geheilt und vieles erträglich gestaltet werden.

Mit natürlichen Mitteln

Auf meiner Reise durch China lernte ich die chinesische Küche kennen, vor allem die kantonesische. Und ich darf verraten, dass das, was wir in Deutschland beim „Chinesen“, auch beim „guten Chinesen" zu essen bekommen, so gut wie nichts mit den chinesischen Kochkünsten zu tun hat. Die chinesische Küche ist regional sehr unterschiedlich, stets hochgradig variantenreich und raffiniert. Chinesen essen gern auch Süßes, gern auch Fettes, gern auch Fleisch. Sie essen eigentlich alles gern, doch weil es leicht und bekömmlich zubereitet wird, ist es gut verträglich. Die Basis bilden im Süden des Landes Reis, frisches Gemüse und Tee. Gesünder geht es nimmer.

 

Grundlage der traditionellen Heilkunst ist die Behandlung mit Kräutern. Die Naturheilkunde hat in China eine mehrtausendjährige Tradition und bedient sich im Wesentlichen pflanzlicher, aber auch tierischer und mineralischer Produkte. Die Zubereitung einer traditionellen Rezeptur ist ein Erlebnis für sich: Die unterschiedlichsten Körner, Blätter und Pulver werden feinsäuberlich abgewogen, Trockenfrüchte und verschiedene Hölzchen hinzugefügt und schließlich alles zusammengewürfelt. Das sieht so eindrucksvoll aus, dass der daraus gefertigte Tee nur eine Wohltat sein kann.

 

Die Ginsengwurzel ist seit Jahrtausenden in der chinesischen Medizin ein Sinnbild für Gesundheit und ein langes Leben. Ginseng gilt als Kräftigungs- und Stärkungsmittel unserer körperlichen und mentalen Leistungsfähigkeit. In früherer Zeit war Ginseng allein den Kaisern und ihren engsten Gefolgsleuten vorbehalten. Damals war die Wurzel teurer als Gold. Heute ist sie in jeder Apotheke in China erhältlich.

 

Der chinesische Arzneischatz ist schier unerschöpflich. Schlangenhaut, getrocknet und pulverisiert, hilft bei Hautproblemen. Gecko in Wein eingelegt wirkt schleimlösend und hustenstillend. Der Kot der Fledermaus, getrocknet, gestampft, gewürfelt, hilft bei Verstopfung. Und die Galle des Bären hilft bei Vergiftungen.

 

Auf den Bildern sieht man die Hand eines Apothekers bei der Zubereitung einer traditionellen Rezeptur, Ginseng im Angebot und eine ausgestopfte Fledermaus. Die chinesischen Schriftzeichen auf diesem Bild muten an, wie eine Fledermaus im Flug.

In der Klinik für traditionelle Medizin hatte ich Gelegenheit, der Behandlung von Knochenbrüchen zuzuschauen. Auf den folgenden Fotos hatte der erste Patient eine „Radiusfraktur“, wie das Röntgenbild zeigt, einen Bruch des Unterarms an typischer Stelle oberhalb des Handgelenks. Mit geschickten Fingern waren die Bruchenden, die sich gegeneinander verschoben hatten, wieder zusammenfügt und in dieser Stellung mit Bambusstäbchen fixiert worden. Bei dem Kind wird ein Bruch des Wadenbeins in ähnlicher Form versorgt. Und, wie zu sehen, wurde auch eine große Oberschenkelschaftfraktur mit dieser Methode behandelt. Die Erfolge dieses Vorgehens sind in der Klinik gut dokumentiert.

 

Die Fixation mit Holzstäbchen ist nicht so fest wie beim Gips. Eine geringe Beweglichkeit bleibt erhalten. Das hat den Vorteil, dass die Durchblutung und Durchsaftung des Gewebes nicht gestört werden. Natürlich ist die Holzstäbchen-Methode nicht so belastbar wie Gips oder eine operative Fixation. Doch die Frakturen heilen mit der alten chinesischen Methode zumeist schneller als mit Gips und die Patienten erlangen früher die volle Gebrauchsfähigkeit ihrer Gliedmaßen zurück.

Qi-Gong beim Himmelstempel

Der Himmelstempel in Peking erglüht im ersten Morgenlicht. Es ist halb sechs Uhr morgens. Die Menschen neben mir räuspern sich und spucken auf eine Art aus, wie es wohl nur Chinesen können. Auch das letzte im Rachen versteckte Stück Schleim wird lautstark der Erde geschenkt.

 

Plötzlich höre ich in der Ferne einen Schrei, einen langgezogenen Schrei. Er wiederholt sich. Dann kommen ähnliche Laute aus einer ganz anderen Ecke des Parks. Auf einmal fängt ein alter Mann in meiner Nähe an zu brüllen wie ein Tier. Häufig klingen diese Schreie wie Klagen, Wehklagen, manchmal hört es sich nach Anklagen und trotzigem Aufbegehren an. In aller Herrgottsfrühe schreien sich Chinesen die Seele aus dem Leib. Das schafft Luft.

 

In Gruppen hat man mit dem Tai Chi begonnen. Junge Leute üben akrobatisch Kung-Fu. Ältere greifen bei ihren tänzerischen Morgenübungen gern zum Schwert. Manch einer schwingt die Arme wie ein großer prachtvoller Vogel. Andere stehen allein vor einem Baum. Wieder andere meditieren im Lotussitz.

 

Das alles ist Qi-Gong. Gong heißt Arbeit, Übung. Qi-Gong in allen Varianten sind Übungen, um das Qi im Fluss zu halten. Man kann vom Qi-Gong nur eine Ahnung bekommen, wenn man es selber macht. So suche ich mir einen passenden Platz.

 

Ein wenig Kenntnis habe ich schon. Ich stelle mich hin, ganz nach Vorschrift: Die Füße etwa schulterbreit auseinander, die Knie ein wenig gebeugt, federnd. Ich hebe den Kopf – „offen und aufrecht sei der Hals, als trüge man eine Krone auf dem Kopf“ – und lasse die Schwere meines Körpers ins Becken sinken. Das verschafft einen festen, sicheren Stand. Dann das Schwierigste für mich: Die ewig verspannten Schultern. Akira, der junge japanische Gastarzt in Fuzhou, hat mir eingetrichtert, was sein Meister ihn gelehrt hatte: „Wenn Du die Schultern lockern willst, nützt es nichts, ihnen den Befehl zu geben, sich zu entspannen. Stattdessen stell Dir vor, das Qi ströme beim Ausatmen aus deiner Stirn heraus, direkt aus der Mitte zwischen den Augenbrauen.“ Ich stell mir also vor, dass alle Atemluft durch die Stirnmitte meinen Körper verlässt und bin erstaunt, wie schnell diese Vorstellung konkret wird. Dabei spüre ich, wie die Spannung aus meinen Schultern weicht, atme tief ein und aus und werde ruhig.

 

Ich halte, wie es alle tun, meine Hände vor das „Dantian“, meine Körpermitte. Die Innenflächen der Hände strahlen dabei auf „Qihai“ ab, „Das Meer des Qi“, knapp unterm Nabel. Langsam stellt sich ein deutliches Wärmegefühl im Bauch ein. Dann lenke ich in meiner Vorstellung das Qi entlang der Innenseite der Beine in die Fußsohlen, zu „Yongquan“, der „sprudelnden Quelle“. Die Ausbreitung des Qi fühlt sich an wie ein leises warmes Kribbeln, das über die Haut streicht.

 

Schließlich stelle ich mir vor, ich stehe tatsächlich auf einer sprudelnden Quelle. Eine wohlige erfrischende Empfindung erfasst die Fußsohlen und drängt die Beine hinauf nach oben. Der Kopf wird klarer. „Das trübe Qi sinkt ab und das klare Qi steigt auf“.

 

Ein scheues Lächeln erfasst meine Gesichtszüge. Erst jetzt höre ich die Vögel um mich herum zwitschern und spüre den leichten, kühlenden Luftzug auf der Haut. Ich öffne die Augen und staune über die Schönheit der Welt. Ich fühle mich den Bäumen brüderlich verbunden und eins mit der Welt.

 

In der Nähe der Parkmauer versammelt sich jeden Morgen die gleiche Personengruppe. Sie alle haben mit Krankheiten zu tun und praktizieren stilles Qi-Gong zu ihrer Besserung oder auch Heilung. Etwa 20–30 Personen stehen einem Anleiter gegenüber, aufrecht, regungslos, circa eine dreiviertel Stunde, versunken in ihre Meditationen. Sie lenken das Qi. In ihrer Vorstellungskraft öffnen sie ihre Meridiane. Besonders am Sitz ihrer Krankheit öffnen sie wichtige Punkte und Zentren, lösen Blockaden und Staus. Gelegentlich massieren sie ihren Bauch in der Nabelgegend. Das hilft, gereinigtes Qi in der Mitte, im Zentrum des Menschen zu konzentrieren und zu bewahren.

 

Chinesen nutzen Qi-Gong, um ihre Krankheiten selbst zu behandeln. Es hilft bei den meisten Beschwerden, die uns im Alltag begleiten, bei Kopf- und Magenschmerzen, bei Rückenbeschwerden, Schlaflosigkeit und vielem anderen mehr. Qi-Gong in allen seinen Formen kann ein wunderbares Mittel gegen Herzanfall und Herzinfarkt sein. Viele Krebskranke in China praktizieren Qi-Gong. Krebs-Heilungen unter Qi-Gong sind dokumentiert. Doch auch, wenn es nicht gelingt, den Krebs zu vertreiben, Qi-Gong gibt Kraft und erfrischt Leib und Seele. Regelmäßiges Qi-Gong stärkt das innere Gleichgewicht und lässt die Menschen ihren inneren Frieden finden.

 

Wenn sich die Gruppe an der Parkmauer nach etwa einer Stunde auflöst, ist nichts von Esoterik zu spüren. Die Menschen stehen dann noch eine Weile zusammen, schwatzen laut miteinander, lachen viel, wie in China üblich, und sind fröhlich.

 

Ein älterer Herr fällt mir auf, der eine ganze Zeit in sich versunken dasteht, um plötzlich wie enthemmt hin und her zu torkeln und dabei knurrende, fast gefährlich klingende Urlaute von sich gibt. Er ist nicht zu bremsen. „Zifa-Gong“ ist der Name, das „spontane Gong“. Dieser Mann macht sein Ding. Er lässt alles raus, ohne sich von irgendwelchen Konventionen einengen zu lassen. In einiger Entfernung steht eine Frau verloren herum, wie bestellt und nicht abgeholt. Sie spricht mit geschlossenen Augen leise vor sich hin.

 

Die großen Bäume im Park sind beliebt. Nicht wenige Menschen haben sich einen Baum ausgesucht und stehen direkt vor ihm. Manche berühren den Stamm mit beiden Händen, manche sprechen laut mit dem Baum, manche haben ihre Arme ausgebreitet, als wollten sie den Stamm umarmen. Still und in sich versunken, atmen sie das Qi des Baums ein. Das Qi der Bäume ist von besonderer Heilkraft. Atmen mit dem Kosmos, heißt dieses Qi-Gong.

 

Wenn ich den Park wieder verlasse, passiere ich den Himmelstempel. Hier, wo über Jahrhunderte die chinesischen Kaiser ihre Opferhandlungen vollzogen, ertönt jetzt China-Rock. Jung und alt sind vereint und vor allem die vorgerückten Jahrgänge schwingen bereits um sieben Uhr morgens das Tanzbein. Qi-Gong macht Laune.

Im Abseits

Ende der Achtziger Jahre erlebte die Qi-Gong-Welle ihren Höhepunkt. Der bald darauf einsetzende wirtschaftliche Aufschwung Chinas und die kompromisslose Ausrichtung der chinesischen Politik und Kultur auf materielle Werte hat diese Welle gebrochen. Die inzwischen extreme staatliche Überwachung der Menschen hält nichts von Übungen, die sich mit der unsichtbaren Innenwelt eines Menschen befassen. Es wird nicht mehr mit dem Kosmos geatmet. Sich im Zifa-Gong auf die Spur unkontrollierter Individualität zu begeben, findet nicht mehr statt. Gestutzt als eine Art gesundheitsförderlicher Gymnastik, überlebt Qi-Gong gegenwärtig in der VR China auf bescheidenem Niveau.

bottom of page