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Zusammenschau: Es geht ums Ganze

 

 

Auf meinen Reisen bin ich auf vier unterschiedliche Welten gestoßen. Auf die Welt des Qi, den Kosmos von Aluna und auf die Welten des Yajé und des Voodoo. Allesamt machtvolle Gebilde mit großem Einfluss auf unser Leben, auf unsere Gesundheit und unser Wohlergehen, auf Krankheit und Leid. Auch ist unsere Fähigkeit zu Heilen eng mit diesen Mächten verwoben.

 

Qi ist die kosmische Lebenskraft, die alles durchdringt. Die unübersehbare Vielfalt der Erscheinungen im Universum wird durch das allgegenwärtige Qi zu einer Ganzheit verbunden. Qi ist etwas Feinstoffliches, das auch uns durchdringt und in unserem Körper zirkulierft, so fein und dünn, dass es nicht greifbar ist.

 

Aluna ist im Verständnis der indigenen Völker hoch oben auf der Sierra Nevada de Santa Marta die unsichtbare Kraft, die hinter allem wirkt. Aluna ist so etwas wie „die Wirklichkeit" der Welt. In der Lebensauffassung dieser Völker gibt es keine Trennung: Die Menschen, die Berge, die Vögel, die Seen und Flüsse, alles ist miteinander verwoben. Aluna durchwirkt die gesamte Welt wie mit einem goldenen Faden.

 

Qi und Aluna fügen die Vielfalt der Welt zu einem Ganzen zusammen. Hans-Peter Dürr, Atomphysiker, der 1987 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde, hat ein Buch verfasst mit dem Titel: „Warum es ums Ganze geht.“ In diesem Buch skizziert Dürr, langjähriger Direktor des Max-Planck-Instituts für Physik in München, in allgemein verständlicher Form die Grundzüge des quantenphysikalischen Weltbilds.

Ausgelöst wurde die Neue Physik von Max Planck im Jahr 1900, als er zeigte, dass sich Licht, also elektromagnetische Wellen, paradoxerweise wie ein Teilchen verhält. Den Grundstein für die daraus resultierende Entwicklung der Quantenphysik legten Niels Bohr und Werner Heisenberg im Jahr 1923. Dürr war Schüler von Heisenberg. Er besitzt die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge verständlich darzustellen und die revolutionären Auswirkungen der Quantenphysik auf unser Selbstverständnis und unser Weltbild anschaulich zu vermitteln.

Ich zitiere aus diesem Buch: „Die Felder in der Quantenphysik sind nicht nur immateriell, sondern wirken in ganz andere, größere Räume hinein, die nichts mit unserem vertrauten dreidimensionalen Raum zu tun haben. Es ist ein reines Informationsfeld und hat nichts mit Masse und Energie zu tun. Dieses Informationsfeld ist nicht nur innerhalb von mir, sondern erstreckt sich über das ganze Universum. Der Kosmos ist ein Ganzes, weil dieser Quantencode keine Begrenzung hat.“

„In der modernen Physik sagen wir: Die Wirklichkeit ist nicht die Realität. Unter Realität verstehen wir eine Welt der Dinge, der isolierten Objekte und deren Anordnung. Jene Welt, die die alte Physik mit ihrem mechanistischen Weltbild beschreibt, mag für unseren Alltag ausreichen. Sie trifft aber nicht das Ganze, sie erreicht nicht die Wirklichkeit.“

 

„Wir sagen also: Wirklichkeit ist nicht dingliche Wirklichkeit, Wirklichkeit ist reine Verbundenheit oder Potenzialität. Diese fundamentale Verbundenheit führt dazu, dass die Welt eine Einheit ist.“

Um eine entfernte Vorstellung von dem von Dürr genannten Informationsfeld zu bekommen, möchte ich in aller Kürze ein Experiment von Anton Zeilinger, emeritierter Professor an der Universität Wien, skizzieren. Zeilinger wurde für seine Arbeiten 2022 mit dem Nobelpreis für Physik geehrt. Zeilinger „verschränkt“ Lichtteilchen, um sie anschließend um den Globus zu beamen. Man könnte den Vorgang des „Verschränkens“ so beschreiben: Man erzeugt einen besonderen Zustand, in dem zwei Lichtteilchen aneinandergekoppelt sind und es auch bleiben, selbst wenn sie sich dann in zwei unterschiedlichen Richtungen bewegen. Das eine Teilchen blieb bei Zeilinger in Wien, das andere wurde nach China geschossen. Nun wurde am Wiener Teilchen eine Veränderung durchgeführt, eine Messung, durch die das Verhalten dieses Elementarteilchens beeinflusst wurde. Im selben Moment, ohne jeden Zeitverlust, änderte sich auch das Verhalten des Lichtteilchens in China. Und zwar in gleicher Weise wie das des Kumpels in Wien.

Noch einmal Dürr: „Die Quantenphysik sagt uns also, dass die Wirklichkeit ein großer geistiger Zusammenhang ist. Wir leben in einer noch viel größeren Welt, als wir gemeinhin annehmen.“

 

Es deutet sich an, dass sich das etwa 100 Jahre alte Weltbild der modernen Physik und die Jahrtausende alten Weltbilder mit dem Qi beziehungsweise Aluna im Mittelpunkt eine erstaunliche Nähe zueinander aufweisen.

 

Das Qi ist unsichtbar, es lässt sich nicht greifen, nicht fassen. Aber Qi ist dem Gespür und der Intuition zugänglich. Zu Aluna nehmen die Indigenen auf der Sierra Nevada in meditativer Versenkung Kontakt auf. Gespür, Intuition, Meditation, was sagt nun die Wissenschaft dazu? In der Naturwissenschaft gelten nur solche Fakten, die sichtbar, greifbar und messbar sind. Intuition und Gespür widersprechen einem naturwissenschaftlichen Vorgehen. Konsequenterweise werden alle von mir geschilderten traditionellen Weltanschauungen und Heilsysteme von der medizinischen Wissenschaft als primitiv und wertlos qualifiziert.

 

Um keinen falschen Eindruck zu erwecken: Was mit wissenschaftlicher Methodik bewiesen ist, ist bewiesen, also wahr und richtig. Da hilft kein Gefühl, das einem sagt, dass sich die Dinge aber vielleicht doch ganz anders verhalten. Was falsch ist, ist der Alleinvertretungsanspruch der Wissenschaft auf Erkenntnis. Das naturwissenschaftliche Weltbild deckt nur einen Teil unseres Erkenntnisvermögens ab.

 

So wichtige Dinge im Leben wie die Liebe, Geborgenheit, Vertrauen, Hoffnung oder auch Schönheit, die uns anrühren und bewegen, alle diese Phänomene werden, eben indem sie uns anrühren, unmittelbar verstanden. Kunst in all ihren Formen zu erleben, von der Schönheit der Natur berührt zu sein, löst in uns ein Schwingen aus als Zeichen des Verstehens. All dies übersteigt den Horizont einer allein der Ratio verpflichteten Wissenschaft. Ich denke an einen Satz von Thomas Mann, der mir seit Schultagen gewärtig ist. In seiner Erzählung „Tristan“ schreibt Mann in Bezug auf die Musik von Richard Wagner in dessen Oper „Tristan und Isolde“: „Und dann begann jener Aufstieg der Violinen, der höher ist als alle Vernunft.“ In diesem Reich höher als alle Vernunft, jenseits jeglicher Intelligenz sind Gespür und Intuition hilfreich, die Wahrheit zu erkennen und die Welt zu verstehen.

 

Auch der Mensch ist ein Kunstwerk, ein großes Kunstwerk. Zu seinem Verstehen müssen sowohl der Verstand als auch die Intuition bemüht werden. Das betrifft die Diagnostik und auch die Therapie kranker Menschen, wenn man denn in seiner Tätigkeit als Heiler oder als Arzt erfolgreich sein will.

 

Im Kapitel über meine Chinareise schildere ich, wie ich im Park zum Himmelstempel in Peking das unsichtbare Qi durch meinen Körper leite. Am Ende dieser Übung spüre ich, wie das trübe Qi absinkt und das klare Qi aufsteigt. Ich schreibe: „Ein scheues Lächeln erfasst meine Gesichtszüge. Erst jetzt höre ich die Vögel um mich herum zwitschern und spüre den leichten, kühlenden Luftzug auf der Haut. Ich öffne die Augen und staune über die Schönheit der Welt. Ich fühle mich den Bäumen brüderlich verbunden und eins mit der Welt.“

 

Dazu Hans-Peter Dürr: „Ich spreche als Naturwissenschaftler, als Physiker, als Elementarteilchenphysiker. Ein Naturwissenschaftler analysiert, zerlegt, fragmentiert, um die Wahrheit zu finden – und landet beim Allerkleinsten. Auch der spirituell Suchende strebt nach Wahrheit. Er nähert sich ihr in kontemplativer Haltung, in meditativer Versenkung und erlebt sie in der Öffnung zum Ganzen.“

 

In der Behandlung Kranker geht es in den vier von mir erlebten traditionellen Heilansätzen stets darum, die spirituelle Ebene mit uns Menschen in Einklang zu bringen. Wenn das gelingt, ist es möglich, Heilung zu erfahren. In den Welten des Yajé und des Voodoo ist man bemüht, unsichtbare höhere Mächte zu besänftigen und Störenfriede, wenn es sein muss, zu bekämpfen. Es geht um Harmonie zwischen den Geistern und Göttern und uns Menschen. Alle Bemühungen in der alten chinesischen Medizin zielen darauf, dem unsichtbaren Qi zu einem ungehinderten Fließen zu verhelfen. Und die Kogi sind heute mehr denn je bemüht, Aluna, dieses „All-Eins“, dieses subtile Gewebe, im Gleichgewicht zu halten. Ihre Priester sind bemüht, die zunehmende Zerstörung der Natur und Umwelt durch intensive spirituelle Praktiken zu begrenzen, um ein Kippen des kosmischen Gleichgewichts zu verhindern.

 

Für unser heutiges Verständnis: Beim Qi-Gong und bei meditativen Übungen kann es gelingen, unsere Mitte im Bauch zu öffnen. Hier liegt unsere zentrale Kraftquelle, die innere Ruhe, Gelassenheit und Intuition generiert. Das Wissen um dieses unser Zentrum ist den alten asiatischen Kulturen seit „Ewigkeiten“ vertraut. Aus heutiger Sicht lassen sich zum Verständnis unserer Mitte einige Fakten benennen.

 

Erforderlich ist ein kurzer Ausflug zum Bauchhirn: In unseren Darmwänden befindet sich ein eigenständiges Hirn. Der Zwölffingerdarm, die 5 Meter Dünndarmschlingen und der 1,5 Meter lange Dickdarm sind wie ein Netzstrumpf von Nervenzellen umhüllt. Genauer gesagt, sind es zwei Zell-Lagen innerhalb der Darmwand. Es handelt sich um 100 bis 200 Millionen Nervenzellen, die durchgehend miteinander vernetzt sind. Hier werden unzählige psychoaktive Substanzen produziert, allen voran Serotonin, das plakativ als „Glückshormon“ tituliert wird. 5% des Serotonins werden im Kopf synthetisiert, 95% stammen aus den Darmwänden. Auch Opiate und Benzodiazepine, also dem Valium verwandte Stoffe, gehören zur Produktpalette des Darms.

 

Interessant ist der Informationsaustausch zwischen Kopf- und Bauchhirn. 90% des Informationsflusses ziehen vom Bauch zum Kopf, wo sie unterbewusst unsere Befindlichkeit, Stimmungslage, unseren Antrieb und manches andere mehr beeinflussen. Die ganzen Segnungen dieser Kraftquelle im Bauch werden erst erkennbar, wenn man den Geist beruhigt. Wenn es im Qigong oder in meditativer Versenkung gelingt, die Unruhe in unserem Kopf, die ständigen Gedanken und unseren Willen auszuschalten, stellt sich eine tiefe innere Ruhe gepaart mit Gelassenheit ein. Das Qi, der Fluss des Lebens wird spürbar. Es ist dann auch möglich, von den Botschaften des Bauches an den Kopf etwas zu verstehen. Unsere innere Stimme, unser Bauchgefühl und Intuition helfen uns, den für unseren Lebensweg richtigen Pfad zu finden. Meditativ kann erlebt werden, dass wir von Licht durchflutet werden. Ein solches Erleben klopf an die Tür zur Transzendenz. Aus unserer Mitte heraus können wir uns im Sinne Dürrs zum Ganzen öffnen.

 

Das Erleben der visionären Welt des Yajé vermag eine ganz andere Kraftquelle zu mobilisieren, die in den Tiefenschichten unseres Unbewussten angesiedelt ist. Hier wird Lebenskraft, wird Urkraft generiert. Die Entwicklung zum Menschen baut auf einer langen Stammesgeschichte. Zumindest Spuren der vitalen Antriebe verschiedener Lebewesen, wie Schlangen, Vögel oder auch Raubkatzen tragen wir als Folge der Evolution in unserem Hirnstamm mit uns herum. Die Verwandlung in einen Albatros, der mit seinen mächtigen Schwingen über das Meer gleitet oder die Begegnung mit einer Boa, die unter Yajé in hoher Intensität erlebt werden, vermitteln eine Ahnung von dieser verborgenen Kraftquelle in uns.

 

Ein schamanisches Yajé-Ritual weckt vitale Kraft und Lebenslust und stärkt unsere körperliche und seelische Widerstandskraft. Auch bei dieser „Pflanze der Götter“ geht es ums kosmische Ganze. In den Räumen, die durch Yajé geöffnet werden, betreten wir eine Wirklichkeit weit entfernt von unserer bewusst erlebten Realität.

 

Beide Kraftquellen sind elementar und ergänzen einander. Durch Üben und Erfahrungen in beiden Richtungen wächst ein Wissen von der unsichtbaren Welt, die uns umhüllt und miteinander verbindet. William Blake, englischer Dichter, Naturmystiker und Maler 1757-1827, hat einmal gesagt: „Es gibt eine sichtbare Welt und eine unsichtbare. Und zwischen beiden gibt es Türen“.

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