Afrikas heilende Götter
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Quer durch Ghana
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Die Luft vibriert
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Voodoo: Der Gott im Menschen
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Die Götter nehmen das Opfer an
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Aneinander gefesselt
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Alle Nöte dieser Welt
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Natur-Heilkunst
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Priester, Seherin und ein Wahrsager

Quer durch Ghana
Asunsu ist ein Dorf in der Mitte Ghanas, nahe der Grenze zur Elfenbeinküste. Hier lebt ein weithin bekannter Heiler, Kräuterspezialist und Fetischpriester in einem. Ein junges Ehepaar aus Deutschland, beide in der Entwicklungshilfe tätig, hatte uns in der nahe gelegenen Kreisstadt Dormaa-Ahenkro bei sich in ihrem Haus aufgenommen. Sie empfahlen uns, nach Asunsu zu fahren und diesen Heiler aufzusuchen.
Wir reisten zu dritt. Es war März 1990. Im Landesinneren herrschte trockene Hitze, an der Küste war es drückend schwül. Ich wurde begleitet von Elizabeth, meiner Frau und von Emanuel, einem Ghanaer aus Kumasi. Emanuel hatte in den achtziger Jahren als Gärtnermeister im Hamburger Umland gearbeitet und hatte an der Gestaltung unseres traumhaft schönen Gartens mitten in Hamburg seinen Anteil. Wir wurden Freunde. Irgendwann war dann seine Aufenthaltserlaubnis abgelaufen und er musste zu seinem Bedauern nach Ghana zurück.
Von dem alten Fetischpriester in Asunsu gab es viel Spannendes zu lernen. Einmal in Asunsu Fuß gefasst, lernten wir weitere Heilerinnen und Priester in der Umgebung kennen. Im Kontakt mit den Menschen im Dorf erlebten wir verschiedene Seiten ihres Alltags und sie erfuhren, dass eine weiße Frau durchaus zu afrikanischen Trommeln mit den Frauen des Dorfes tanzen kann.
Nach einem Abstecher nach Tamale im Norden Ghanas steuerten wir Ketá an. Ketá liegt an der Atlantikküste kurz vor der Grenze zu Togo. Dort, im Osten Ghanas, leben die Ewe, ein Volk, das seit unendlichen Zeiten die Tradition des Voodoo praktiziert.
In Ketá bemühten wir uns freundlich und ausdauernd um eine Kontaktaufnahme mit der Voodoo-Gemeinde. Ohne Chance. Erst als wir im Begriff waren, wieder abzureisen, frustriert und komplett durchgeschwitzt, hatte offenbar irgendeine höhere Macht ein Einsehen. Oder – vielleicht war ja dem Charme unseres Dreiergespanns doch nicht zu widerstehen gewesen: Der weiße Arzt, der interessiert war, von traditionellen Heilern zu lernen, seine hübsche Ehefrau, die sich gern afrikanisch kleidete und einer von ihnen, ein freundlicher Ashanti aus Kumasi. Jedenfalls wurden wir zum Priester in seinen Schrein am Strand gerufen. Und das Beste: er lud uns ein, in einer Woche wiederzukommen und an einer nächtlichen Feier der Voodoo-Gemeinde teilzunehmen!
Die folgenden Bilder zeigen nach einer orientierenden Skizze von Ghana unser Dreierteam: Elizabeth, Emanuel und der Doc. Sodann unsere reizenden Gastgeber in Dormaa mit zwei Katzen und einem Tausendfüßler. Und schließlich ein Bild, ganz typisch für das Reisen durch Ghana im Jahr 1990.
Die Luft vibriert
Als wir eine Woche später in Ketá eintreffen, werden wir nach Sonnenuntergang von einem Offiziellen der Stadt abgeholt und in den Schrein geführt. Der Priester begrüßt uns freundlich, ja herzlich. Der große prachtvolle Mangobaum in der Mitte des Schreins ist zur Feier des Tages mit einem weißen Tuch geschmückt. Um ihn herum wird getanzt.
Der Schrein ist voll von Menschen. Männer tanzen mit freiem Oberkörper. Sie tragen bunte Tücher von den Hüften abwärts. Die Frauen sind in lange Stoffe von traumhafter Farbigkeit gehüllt. Ältere Frauen haben blütenweiße Tücher turbanartig um ihren Kopf gewickelt.
Ununterbrochen wird getrommelt: Von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang und weiter bis tief in den Vormittag hinein. Acht Trommler spielen wechselnde Rhythmen, bei denen man nicht stillsitzen kann. Der Master Drummer an der großen Basstrommel gibt den Ton an. Dazu ein Ensemble von Rasseln und der helle Klang einer Glocke, die nach meinem Eindruck mit System ständig gegen den Takt geschlagen wird. Die Luft vibriert.
Die ganze Nacht durch wird getanzt. Mehrere Tänzer, zumeist getrennt nach Männern und Frauen, bilden nebeneinander eine Reihe. Wie anrollende Meereswellen bewegen sich ihre Oberkörper synchron vor und zurück. Die Arme schwingen mit, und es sieht aus wie Flügelschlag, wie Kraniche kurz vorm Abheben zum Flug. Körperliche Höchstarbeit. Die auffallend schönen Körper sind schweißgebadet.
Immer wieder ertönt Gesang. Einige wenige Melodien, die sich in endloser Wiederholung durch die ganze Nacht ziehen. Ein leidenschaftlicher Gesang, mit dem die Götter gerufen werden. Alles – Tanz, Gesang und das ununterbrochene Trommeln – dient dazu, die Götter anzulocken.
Voodoo: Der Gott im Menschen
Und die Götter folgen dem Ruf. Plötzlich schreit eine der Tanzenden auf, verdreht die Augen, sodass einem das Weiße entgegenstarrt. Sie versteift sich am ganzen Körper und droht zu fallen. Sofort stürzen mehrere Männer zu ihr hin und fangen sie auf. Wie ein Blitz ist ein Gott in sie hineingefahren. Einer der angelockten Götter aus dem Voodoo-Himmel hat sich ihrer bemächtigt. Der steife leblos wirkende Körper wird aus der Runde herausgetragen.
Bald darauf erscheint die Frau wieder. Ihr Gesicht ist jetzt mit weißer Farbe, der Farbe der Götter, beschmiert. Sie erscheint in neuen hübschen Gewändern, so wie der Gott in ihr es liebt. In schwerer Trance geht sie durch die Menge und stößt irre Schreie aus. Sie macht die Runde, um die am Rand sitzenden älteren Frauen mit ihren weißen Kopftüchern und auch uns Ehrengäste mit Handschlag zu begrüßen. Als ich ihr meine Hand hinreiche, schlägt sie mit voller Wucht zu, sodass ich fast von meinem Hocker rutsche. Ich lerne, so begrüßen Götter die Menschen.
Eine weitere Frau, in die ein Gott blitzartig hineingefahren ist, erscheint singend wieder, mit einem hübschen Tuch bekleidet und einem Strohhut auf dem Kopf. Sie lässt sich nieder in den Sand und steckt sich eine Zigarette ins Ohr. Diese Göttin oder dieser Gott ist offenbar zu Späßen aufgelegt. Später setzt sie sich vor den Mangobaum und wirkt wie entrückt.
Voodoo, das ist der Gott im Menschen: Der Gott wird zum Mensch, der Mensch wird zum Gott. Über dem Voodoo-Himmel thront Mawu, die Himmelsgöttin, die einst die Welt erschaffen hat. Die Voodoo-Götter sind eine große Familie. Sie vermitteln zwischen Mawu und den Menschen. Sie vollziehen den Willen der allmächtigen Gottheit bei uns Menschen und können bei Mawu als Fürsprecher menschlicher Sorgen auftreten. Die Voodoo-Gottheiten sind freundlich und aggressiv, sanft und grob, menschlich und unmenschlich. Sie ähneln verblüffend uns Menschen.
Tanz und Gesang locken die Voodoo-Götter an. Einmal anwesend bestehen sie auf Unterhaltung. Geradezu unersättlich ist ihr Verlangen nach pausenloser Trommelmusik. Sie lieben Schnaps, Tabak und Parfum, sie lieben das Blut von Opfertieren. Tagsüber entfliehen sie gern der afrikanischen Hitze und halten sich bevorzugt an schattigen Plätzen auf. Sie lieben den Müßiggang. Wenn ein Priester sie ruft, kommen sie und schlüpfen in die Gestalt der Fetisch-Figuren, die ihnen in den heiligen Kammern der Voodoo-Schreine geweiht sind. Sie bemächtigen sich auch gern der Tiere, fliegen als Vögel herum. Und sie lieben es, einen Menschen zu erwählen, in ihn hineinzufahren und sich als Mensch zu geben.
Die Menschen sind ihnen ausgeliefert, ein Spielball ihrer Launen, wenn es ihnen nicht gelingt, diese allmächtigen Gestalten zu besänftigen. Und die Götter lassen sich durchaus beeinflussen. Man kann sie günstig stimmen. Farbenprächtige Unterhaltung hebt ihre Stimmung. Durch entsprechende Opfer kann man sich bei ihnen Gehör verschaffen und sie gelegentlich wohl auch bestechen.
Zurück zum Schrein. Die gerufenen Voodoo-Götter nehmen Besitz von immer mehr Personen. Mittlerweile sind es zehn, zwölf oder mehr, die von ihnen besessen sind. Ein Mann mittleren Alters springt pausenlos wie ein wildgewordener Ziegenbock durch die Arena. Ständig spritzt uns der Sand ins Gesicht. Andere wälzen sich auf dem Boden im Sand. Epileptisch anmutende Zuckungen, Urschreie, wilder Tanz. Die Raserei ist in vollem Gange.
Plötzlich gebietet der Zeremonienmeister Einhalt. Ruhe kehrt ein. Unter dem großen Mangobaum, dessen Zweigwerk im Neonlicht wie Bögen einer gotischen Kathedrale wirkt, nimmt der Priester Aufstellung. In seinen Händen hält er eine große Kalebasse, voll mit edlem Schnaps. Mit heller melodisch-klingender Stimme begrüßt und besingt er die Götter, einen nach dem anderen, und gießt in kleinen Portionen Schnaps in den Sand. In der ganzen Runde ist es still und friedlich.
Die Party der Götter nimmt ihren Fortgang. Mehrere Personen haben sich mit riesigen Messern bewaffnet. Ein junger Mann säbelt wie verrückt an seiner ausgestreckten Zunge, anschließend an seinem Oberschenkel. Andere stechen sich zum rasenden Rhythmus der Trommeln immer wieder in den Bauch. Keiner verletzt sich. Sind die Messer alle stumpf? Das Gemetzel ist furchterregend. Nur Götter sind unverwundbar.
Körpersprache, Gesichtsausdruck, die Blicke der von Göttern besessenen Menschen sind von berstender Intensität. Ihre Schreie kommen aus tiefsten Tiefen. Voodoo ist kein Spiel, ist kein Theater. Voodoo packt die Menschen an ihrer Wurzel.
Eine korpulente Frau hat sich ein Huhn gegriffen. Sie tanzt die Runde um den Mangobaum. Besessen von der Göttin in ihr, leuchtet aus ihren Augen wildes, ekstatisches Glück. Zurück an ihrem Platz wird das Huhn gerupft, auf offenem Feuer geröstet und den Göttern zur Speise dargeboten. „Spirit for the spirits“ – eine Flasche Schnaps darf nicht fehlen.
Als Zuschauer erleben wir zwei Welten nebeneinander. Zum einen das, was sich unserem Auge darbietet, der Mangobaum, der Schrein, die Musiker, die Tänzer. Und dann die ganz andere Wirklichkeit, die die Dorfgemeinschaft ergriffen hat, eine Wirklichkeit, die in ihrer Intensität und Heftigkeit überwältigend ist.
Zu späterer Stunde wird eine Frau aus dem Rund herausgetragen. Nach mehrstündiger entfesselter Trance ist sie völlig erschöpft. Minutenlang wird ihr Wasser über den Kopf gegossen. Erschöpft sinkt sie in den Schlaf.
Tief in der Nacht möchten wir unseren Augen nicht trauen: Eine Frau hat einen glühenden Holzscheit in die Hände genommen und tanzt mit erhobenen Armen um den Mangobaum. Leicht und anmutig. Der Gott in ihr trägt die Glut in ihren Händen. Zurück an der Feuerstelle lässt sie das glühende Stück Holz wieder fallen. Ihre Hände sind unversehrt.
Die Götter nehmen das Opfer an
Mit beginnender Morgendämmerung beginnen die Heilungen. Der Priester begibt sich dazu in seinen Schrein, eine fensterlose Kammer. In der Mitte der Kammer befindet sich eine kindsgroße Figur, die durchaus einen Kopf, ein maskenhaftes Gesicht und einen Rumpf erkennen lässt. Eine Fetisch-Figur. In sie schlüpft der Gott, der vom Priester für die Heilungen beschworen wird.
Der Fetisch ist von zahlreichen magischen Gegenständen umgeben, Eisenstangen mit sonderbaren Zacken, Tierknochen, Federn, bunten Stoffen. Links im Raum befindet sich eine Art Altar, ein rundlicher Opferstein, dessen Oberfläche mit alten Blutkrusten verschmiert ist.
Im Ritual wird diese Figur zum Gott. Der Priester setzt sich der Figur gegenüber und beginnt einen monotonen Sprechgesang, der zunehmend an Nachdruck gewinnt. Dazu bewegt er rhythmisch ein sanduhrförmiges Glockenspiel. Er ruft den Gott, sein ganzer Körper stimmt sich in den Rhythmus ein, sein Blick verliert an Fixation. Nicht mehr er schaut auf die Figur, die Figur scheint jetzt ihn zu fixieren.
Ein etwa 15-jähriger Junge verlässt den Schrein. Weshalb er den Priester aufgesucht hat, wissen wir nicht. Wie wir hören, bedarf es eines Opfers, um die gekränkten Ahnen zu versöhnen. Ein Huhn wird herbeigeschafft und von einem Helfer des Priesters auf dem Kopf des Jungen platziert. Das Tier liegt rücklings auf seiner Schädeldecke, die offene Brust des Huhns weist gen Himmel. Nur in dieser Stellung, mit der Brust gen Himmel, akzeptieren die Geister und Götter das Opfer.
Der Assistent nimmt die Hände des Jungen und legt sie von beiden Seiten um die Brust des Huhns. Auf dem Gesicht des Knaben steht ängstliche Spannung. Nun drückt er zu, erst sanft, dann fester und nimmt dem Tier die Luft. Kopf und Hals des Huhns fallen ihm ins Gesicht, schließlich regt sich das Tier nicht mehr. Die Ahnen haben das Opfer angenommen.
Ein kranker Mann kniet vor dem Priester. Exorzismus. Der Dämon in ihm wehrt sich. In seiner Ekstase schlägt der Mann mit dem Kopf immer wieder hart auf den Boden. Seine Stirn blutet. Der Priester beschwört den Dämon. Schließlich gießt er dem Knienden geweihtes Wasser über den Kopf und wäscht ihn.
Aneinandergefesselt
Am frühen Morgen ist die ganze Gemeinde dran. Alle haben sich in großer Runde nebeneinander auf den Boden gesetzt. Alle, ausnahmslos, auch die ältesten Frauen, werden gefesselt. Man schlingt eine Wäscheleine um ihre hinterrücks gekreuzten Handgelenke und verbindet eine Person mit der nächsten. Der Priester spricht vor der versammelten und gefesselten Runde, laut, wie ein frustrierter Lehrer vor seinen Schülern, die nicht hören wollen.
Wie wir erfahren, geht es um den „Non-farming-day“. Der Priester drängt darauf, dass die traditionellen Regeln, die alten Tabus gegenüber der Umwelt, strikt befolgt werden. Jedes Dorf hat seinen „Non-farming-day“, d.h., dass an einem bestimmten Wochentag niemand aus dem Dorf auf den Feldern arbeiten darf. Das Recht der Natur auf Ruhe und Erholung ist heilig. Die alten Regeln werden nicht mehr genügend beachtet. Das beleidigt die Erdgeister – und deren Rache ist brutal.
Der Priester führt die Dorfgemeinschaft zusammen, indem er die Menschen buchstäblich aneinander bindet. Die soziale Funktion der Fetischpriester ist enorm. Sie kennen ihr Dorf, sie kennen ihre Leute. Sie wissen, wen sie vor sich haben und was einer auf dem Kerbholz hat. Sie kennen die Streitigkeiten, den Neid und die Missgunst untereinander. Legitimiert durch die Götter, können sie aus ihrer hochgeachteten Position heraus viel zum Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft und zum sozialen Frieden beitragen.
Alle Nöte dieser Welt
Bis spät in den Vormittag hinein versammelt sich eine Traube von Menschen vor der heiligen Kammer. Die Bittsteller kommen von nah und fern und knien dicht gedrängt vor der offenen Tür. Viele haben Hühner und Ziegen dabei, den holländischen Lieblingsschnaps des Gottes nicht zu vergessen. Auch Geld scheint zu helfen. Jeder trägt ausführlich seine Sorgen und Nöte vor, der Gott hört sie an, verlangt Opfergaben, gibt aus dem Mund des Priesters Ratschläge und verspricht Hilfe.
Alles Unglück dieser Welt wird in diesem Schrein verhandelt: Kinderlosigkeit, Armut, Verlust von Hab und Gut, Konflikte mit dem Gesetz und Krankheiten. Wer häufig Bauchschmerzen hat, an Schlaflosigkeit leidet, verrückt ist oder gnadenlos dahinsiecht, sucht hier Hilfe.
Mit zunehmender Aufklärung werden auch auf dem Land immer mehr Krankheiten, etwa die gängigen Infekte oder die verbreiteten Wurmkrankheiten, als natürlich verursacht verstanden. Hygienische Maßnahmen greifen um sich. Die Impfkampagnen bleiben nicht erfolglos. Allerdings wird sich zumindest zum Zeitpunkt unseres Besuchs kaum ein Afrikaner bei einer schweren Erkrankung oder auch bei einer leichteren gesundheitlichen Störung, die er als schwer empfindet, mit einer westlichen Behandlung zufriedengeben. Entweder geht er von vornherein zum Medizinmann oder spätestens dann, wenn das Penicillin oder was er sonst an Therapie erhält, nicht anschlägt. Aus seinem tiefen Wissen heraus kann jede Medizin – auch die westliche – erst dann wirken, wenn das magische Ritual vollzogen ist, wenn der Kranke mit seinen Ahnen und Göttern im Reinen ist und diese sich um seine Heilung bemühen.
Schließlich wird der Fetisch beopfert. Zwei Mann greifen sich einen der prachtvollen Ziegenböcke, packen ihn an seinen Läufen. Ein dritter säbelt ihm über dem Opferstein die Halsschlagader auf. Helles Blut spritzt stoßweise hervor. Alle wissen um die Kraft, die in einem frisch beopferten Fetisch steckt.
Natur-Heilkunst
Der alte Fetischpriester von Asunsu ist auch ein „Herbalist“, ein Kräuterspezialist. Uns wird von einem jungen Mann berichtet, der wegen einer Osteomyelitis, einer Eiterung im Knochenmark seines Schienbeins, lange im Missionsspital im nahe gelegenen Dormaa lag. Die intensive antibiotische Behandlung blieb ohne Erfolg, der Prozess kam nicht zum Stillstand. Im Gegenteil, er weitete sich aus und begann, sich auf das Kniegelenk auszuweiten. Die Ärzte im Krankenhaus sahen als einzige Chance, das Bein oberhalb des Knies zu amputieren. Doch dagegen sträubten sich der Patient und seine Familie. So entließ man den schwerkranken jungen Mann und informierte die Heiler seines Dorfes, sich seiner weiterhin anzunehmen.
Der alte Heiler von Asunsu übernimmt die Behandlung. Er bedeckte den nach außen offenen eiternden Prozess täglich mit Kräuterpasten. Dadurch wurde die Entzündung aktiviert mit dem Erfolg, dass schließlich ein Sequester, ein abgestorbenes Stück Knochen durch die offene Wunde nach außen abgestoßen wurde. Damit kam der gesamte Krankheitsprozess zur Ruhe. Das Bein wurde gerettet. Das Kniegelenk blieb erhalten, wenngleich in einer O-beinigen Fehlstellung. Der junge Mann hat beim Auftreten noch leichte Schmerzen. Dennoch, drei Monate nach seiner Krankenhausentlassung, kann er wieder allein und ohne Hilfsmittel herumlaufen.
Knochenbrüche sind keine Seltenheit im Urwalddorf. In solchen Fällen wird der erfahrene „bone-setter“ gerufen. Uns zuliebe demonstriert er seine Behandlung bei einem Jungen, bei dem angenommen wird, er habe sich eine typische Radiusfraktur oberhalb des Handgelenks zugezogen. Mit gezieltem Fingerdruck fügt er die Bruchenden zusammen. Um die Knochen in dieser Stellung zu fixieren, wird der Unterarm mit Hölzchen geschient, auf eine frappierend ähnliche Art wie in China und am Amazonas. Die Haut zwischen den Holzstäbchen wird mit einem Pflanzenbrei eingeschmiert, der alle drei Tage erneuert wird. Dieser Brei wirkt abschwellend und fördert die Kallusbildung, um den Bruch zu heilen. Alles wird von einem festen Bananenblatt umhüllt, erneut geschient und schließlich wird der Arm in einem Tuch verpackt. Wie uns die Ärzte im Missionshospital von Dormaa, der nächstgelegenen Stadt, bestätigen, sind die Ergebnisse dieser traditionellen Knochenheilung im Allgemeinen gut.
Immer wenn wir in Asunsu waren, hielt sich eine junge Frau unaufdringlich in unserer Nähe auf. Genauer gesagt, sie ließ Elizabeth nicht aus den Augen. Anima wurde für uns so etwas wie der gute Geist von Asunsu.
Zusammen mit einem jungen Mann, einem Schüler des alten Priesters, gab sie uns ein anschauliches Beispiel für Selbsthilfe im afrikanischen Busch. Die beiden zeigten uns, wie aus den Blättern bestimmter Pflanzen ein Proteinbrei gewonnen wird. Elefantengras sei dafür am geeignetsten, wird uns gesagt. Anima pflückt sich ein Sortiment zusammen. Die Blätter werden im Mörser gestampft, der Brei durch ein Tuch gepresst und der Saft anschließend in einer Pfanne kurz aufgekocht. Nach wenigen Sekunden flocken die in diesen Blättern enthaltenen Eiweißkörper aus. Anima nimmt die Pfanne gleich wieder vom Feuer, schöpft den Proteinbrei ab, der von den Kindern mit etwas Honig versetzt gern genommen wird. Im ländlichen Ghana herrscht Proteinmangel. Trockenfisch ist der Haupteiweißträger. Die Proteine sind bekanntlich die Bausteine der Muskulatur, sodass sich dieser Mangel besonders in der Wachstumsphase der Kinder bemerkbar macht. Animas Pflanzenbrei ist segensreich.
Priester, Seherin und ein Wahrsager
In Asunsu haben wir Gelegenheit, einem weiteren Fetischpriester bei seiner Arbeit zuzusehen. Der Geist, mit dem dieser junge Priester Heilungen vollbringt, ist von ihm gerufen worden, in der eigentümlichen Kiste auf seinem Kopf Platz zu nehmen. In der Trance, die sich einstellt, wenn dieser Geist vom Priester Besitz ergreift, können Heilungen gelingen.
In einem Nachbardorf werden wir einer alten Priesterin vorgestellt. Sie ist blind und weithin bekannt für ihre seherischen Fähigkeiten. Ihrem durchdringenden Blick kann man sich nicht entziehen.
In Wamfi, einem weiteren Dorf in der Umgebung, stoßen wir auf den Gottesdienst einer Pfingstlergemeinde, der in vollem Gange ist. Ich begrüße den Priester und ehe ich mich versehe, umarmt er mich, gießt mir etwas Wasser über den Kopf und tauft mich. Der Gottesdienst besteht aus einem ständigen Wechselgesang zwischen Priester und Gemeinde. Keiner sitzt still, alle bewegen sich unaufhörlich zu ihrem Gesang. Ein junger Mann wird gebracht. Auch ihm wird zunächst etwas Wasser über den Kopf gegossen. Anschließend wird ihm geweihtes Öl verabreicht, indem Helfer es ihm bei zurückgeneigtem Kopf in seine Nasenlöcher gießen. Er kennt diese Prozedur offenbar, denn er wehrt sich nicht. Mit dem geweihten Öl soll der Heilige Geist ihn von seinem Übel befreien.
Im Norden besuchen wir auch einen Wahrsager. Sein Arbeitsgerät ist eine Kalebasse angefüllt mit kleinen Steinen. Immer wieder mal schüttet er einen Schwung Steine in den Sand. Sein prüfender Blick wandert über das Muster, manche Steine gibt er zurück in die Schale, bei anderen tauscht er ihre Plätze. Und immer noch mal ein neuer Wurf. Es dauert, bis sein Gesicht schließlich erstrahlt und er sich sicher ist: Das ist die Lösung.
Mir sagte dieser Fortune-Teller für meine Zukunft: „You will get lorries.“ Lorries sind Lastkraftwagen. Gemeint ist, dass ich nicht nur Autos bekommen würde, also reich würde, sondern Riesenautos, also superreich würde. Außerdem sagte er, dass mein Sohn Präsident in Deutschland würde. Seine erste Voraussage traf vollends zu. Im Vergleich zum überwiegenden Teil der Menschheit bin ich, was das Materielle angeht, superreich. Das mit meinem Sohn kann ja noch werden.
Mit den folgenden hübschen Bildern möchte ich meinen Bericht über Ghana beenden.






































































































